„Die Drohungen dürfen sich nicht weiter verschärfen“

"Hört ihm nicht zu, er ist ein Extremist!" Vater und Sohn über den Konflikt. Foto: Lisa Westphal. All rights reserved.

Ali Abasov (rechts) mit seinem Sohn Faraj. Foto: ©Lisa Westphal

Der Wissenschaftler Ali Abasov über die Bedeutung Berg-Karabachs für Aserbaidschan‚ die Ursachen des Konflikts und die Chancen auf Frieden.

Warum ist Berg-Karabach für die aserbaidschanische Seite überhaupt so wichtig?

Berg-Karabach war nie Teil eines armenischen Staates. Es war als aserbaidschanisches Khanat ganz oder in Teilen eine Provinz des Iran oder vom Russischen Imperium okkupiert. Zwischen den aserbaidschanischen Khanaten und Russland, genauso wie zwischen Georgien und Russland, wurde eine Reihe von Verträgen abgeschlossen. Darunter auch der Vertrag über die „Schutzherrschaft“.

Einen solchen Vertrag gab es in keiner Form mit irgendeinem armenischen Staat im Kaukasus. Das historische Karabach ist eins der wichtigsten Zentren des kulturellen, künstlerischen, literarischen und musikalischen Lebens Aserbaidschans. Aus diesem Gebiet kommen einige der größten Persönlichkeiten der aserbaidschanischen Politik und Kultur.

Worin sehen Sie die Hauptursache des Konfliktes?

Die Geschichte zeigt, dass der Konflikt in engem Zusammenhang mit dem Handeln der Zentralmacht, in unserem Fall des zaristischen Russlands, steht, welche daran interessiert war, in Zeiten der Stabilität eine öffentliche Ordnung herzustellen und in Zeiten der Instabilität eine Ausweitung von Konfrontationen zu verhindern, immer mit dem Ziel, den untergeordneten Status der Region gegenüber der Zentralmacht zu erhalten.

Mit der Zeit schalteten sich in den Konflikt auch außerstaatliche Kräfte ein, die ihre eigenen Interessen in der Region verfolgten und an einer Schwächung Russlands interessiert waren. Diejenigen, die den Konflikt massiv vorantrieben und zur Eskalation führten waren national-patriotisch und chauvinistisch eingestellte Vertreter der Intelligenz.

Wie könnte der Konflikt Ihrer Ansicht nach gelöst werden?

Kein einziger ethnischer Konflikt wurde je gelöst. Die möglichen Optionen zur Veränderung der geopolitischen Situation sind folgende: A) die Konfliktparteien befinden sich beide in einem gemeinsamen geopolitischen Raum, wie es in der UdSSR der Fall war B) Krieg in der Region, z.B. der Westen gegen den Iran C) Eintritt der Konfliktparteien in die Europäische Union D) eine Einigung der Konfliktparteien

Wo müssten sich beiden Seiten dann einander entgegenkommen?

Zunächst müsste Aserbaidschan seine Kriegsrhetorik beenden und aufhören Armenien mit einem Krieg zu drohen. Gleichzeitig müsste Armenien davon abrücken, eine Revision der Kriegsfolgen auszuschließen [Anm. d. Red.: Hier ist der Abzug aus den besetzten Gebieten gemeint]. Das sind die Minimalvoraussetzungen für erfolgreiche und vertrauensbildende Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien.

In welcher Hinsicht würden Sie sonst Kritik am Vorgehen der armenischen bzw. Karabach-armenischen und der aserbaidschanischen Seite üben?

Man hätte nicht zulassen dürfen, dass sich der Konflikt von einer lokalen Auseinandersetzung zu einer regionalen und dann einer internationalen entwickelt. Man muss auf irgendeiner Ebene Verhandlungen mit dem De-facto-Regime von Berg-Karabach führen. Man darf außerdem nicht zulassen, dass sich die Kriegsrhetorik und die Drohungen weiter verschärfen.

In welchem Verhältnis sehen Sie die Regierung in Armenien und in Berg-Karabach?

Im Moment besteht die armenische Regierung aus Menschen, die aus Berg-Karabach kommen. Im Großen und Ganzen sind die Beziehungen [zwischen Armenien und Berg-Karabach] normal. Armenien ist in allen Bereichen der Sponsor von Berg-Karabach. Diese Form der Beziehung kann sich natürlich bei einem Regierungswechsel verändern.

Wie stellen Sie sich den Umgang mit den über 600.000 aserbaidschanischen Binnenvertriebenen in Zukunft vor?

Die aserbaidschanischen Flüchtlinge aus Armenien werden wohl nie mehr in ihre Heimat zurückkehren können, wenn zwischen Armenien und Aserbaidschan in dieser Frage, nach Abschluss eines Friedensvertrags, keine Einigung erzielt werden kann.

Ende der Achtziger Jahre demonstrierten sowohl Armenier als auch Aserbaidschaner für ihre Unabhängigkeit. Die Vorkommnisse von damals sind heute zum Teil stark umstritten. Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung?

Die jungen Leute können sich nur schwer vorstellen, welche Angst die Staatsmacht, die selbstständiges gesellschaftliches Engagement verbot, bei den Einwohnern der Sowjetunion auslöste. Wir waren alle überzeugt, dass die Demonstrationen in Repressionen enden würden, was dann im Januar 1990 auch geschah, als sowjetische Soldaten auf den Straßen Bakus Zivilisten töteten.

Nach diesen Aktionen war klar, dass die UdSSR zerfallen und die Republiken ihre Unabhängigkeit erhalten würden. Die Demonstrationen selbst vermittelten einen schizophrenen Eindruck, es schien eindeutig, dass die Hintermänner sowohl Vertreter der Unabhängigkeitsbewegung, als auch solche des KGB waren.

Welche Rolle spielen außenstehende Parteien heute im Konflikt?

Die äußeren Kräfte verfolgen in erster Linie ihre eigenen Interessen in der Region. Da diese sich weder untereinander noch mit denen der Konfliktparteien decken, sind die außenstehenden Parteien an einer Erhaltung des Status Quo interessiert.

Zur Person:

Ali Abasov ist Professor der Philosophie und lehrt in Baku. 2002 veröffentlichte er mit dem armenischen Wissenschaftler Harutiun Khachatrian das Buch: „Karabakh Conflict. Variants of Settlement: Concepts and Reality“ über Lösungsansätze zum Konflikt. Weiteres im Porträt.

Das Interview führten Lina Verschwele und Lisa Westphal.