“Kultur verbindet die Menschen”

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Narine Aghabalyan in ihrem Büro in Schuscha. Foto: ©Paul Toetzke

Narine Aghabalyan ist Ministerin für Kultur und Jugendangelegenheiten der international nicht-anerkannten Republik Berg-Karabach. Wir haben sie in ihrem Büro in Schuscha getroffen. Ein Gespräch über die Bedeutung von Kultur und die Folgen des Konfliktes mit Aserbaidschan.

Sind Sie die einzige Frau in der (de-facto) Regierung?

Im Moment ja.

Beeinflusst das Ihre Arbeit? War es schwieriger für Sie als Frau diesen Posten zu bekommen?

Ich glaube nicht. Es gab ja auch einige weibliche Minister vor mir. Ich bin erst seit zwei Jahren die einzige Frau in der Regierung. Manchmal fühlt es sich etwas merkwürdig an, nur von Männern umgeben zu sein während der Regierungstreffen (lächelt). Aber im Allgemeinen fühle ich mich wohl als einzige weibliche Vertreterin der Regierung.

Wie sind Sie zur Politik gekommen?

Ich habe 20 Jahre lang als Journalistin gearbeitet bevor ich Ministerin wurde. Außerdem war ich schon immer in verschiedenen NGOs politisch aktiv. Im Jahr 2009 fragte mich Präsident Sahakyan, ob ich an dem Posten Interesse hätte. Ich dachte mir, dass ich in dieser Position mehr bewegen kann als im Journalismus.

Also war das Amt im Ministerium für Kultur und Jugendangelegenheiten Ihr erster politischer Posten?

Ja. Allerdings wurden mir davor schon ähnliche Positionen angeboten. Doch erst dieses Mal nahm ich das Angebot an.

Warum gerade dieses Mal?

Die Posten, die mir zuvor angeboten wurden, schienen mir nicht passend zu sein. Der Bereich Kultur und Jugendangelegenheiten hat mir zugesagt, weil er genau meinen Vorstellungen und Interessen entspricht.

Warum ist gerade dieser Bereich so interessant für Sie?

Als ich als Journalistin arbeitete, hatte ich außerdem noch ein Studio für Multimedia-Produktionen im Bereich Kultur. Als 1988 der Konflikt ausbrach, wurde der Name Berg-Karabach in der Außenwelt immer nur mit Krieg verbunden. Niemand kannte die kulturelle Bedeutung. Mit diesen Multimedia-Produktionen startete ich den Versuch, das internationale Bild von Karabach zu verändern, sodass sich die Wahrnehmung nicht nur auf den Konflikt beschränkt. Berg-Karabach ist eine wichtige Region für unsere Zivilisation und unser kulturelles Erbe, das Jahrhunderte lang erhalten wurde.

Jetzt stehen Sie kurz vor dem Ende Ihrer ersten Amtszeit als Ministerin. Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie erreicht haben?

Ich konnte natürlich nicht alle meine Ziele umsetzen. Aber ich glaube, ich habe relativ viel erreicht in dieser Position. Ich wollte ein Arbeitssystem etablieren, das es zulässt, Ideen zu realisieren, sodass meinE NachfolgerIN meine Arbeit weiterführen kann. Aufgrund des Konflikts gibt es viel zu tun. 2008/09 haben wir begonnen, neue Zukunftsstrategien zu entwickeln.

Würden Sie Ihren Posten gerne für eine weitere Amtszeit behalten?

Ich denke, dass ich nicht unbedingt Ministerin sein muss, um meine Arbeit fortzusetzen. Ich werde immer einen Weg finden, um das zu tun, was ich möchte.

Was war Ihr wichtigstes Ziel in dieser Amtszeit?

Es gibt eine Menge Themen, die meine Aufmerksamkeit erfordern. Die zwei wichtigsten Bereiche, die ich thematisieren wollte, sind die kulturelle Außen- und Innenpolitik. Mein Ziel war es zum Einen, die Menschen in Karabach an ihr kulturelles Erbe zu erinnern. Zum Anderen, war es mir wichtig, das Ausland und potentielle Touristen auf Karabach und unsere kulturellen Schätze aufmerksam zu machen. Dadurch wollte ich eine Verbindung zwischen den Menschen hier und der internationalen Gemeinde herstellen – Kultur als etwas, das Menschen verbindet. Das ist besonders wesentlich für die Menschen, die in Dörfern bzw. auf dem Land leben und keinen Zugang zu solchen Plattformen haben. Deshalb war meine Arbeit auch auf die ländlichen Regionen und weniger auf die großen Städte ausgerichtet. Die Dörfer sind die wichtigste Quelle kultureller Identität.

Was bedeutet Kultur für Sie?

Die Bedeutung ist sehr komplex. Kultur ist Teil der Zivilisation, aber genauso auch Teil der menschlichen Psyche, der Art zu denken. Es geht nicht nur um Kreativität und Kunst, sondern auch um die Lebensart. Das zusammen macht Kultur aus. Man kann seine Persönlichkeit durch Kultur wiederspiegeln. Kultur ist eine Sprache, die jeder verstehen kann.

Wie versuchen sie, die Kultur Berg-Karabachs im restlichen Teil der Welt zu verbreiten?

Eine meiner Herangehensweisen ist es, verschiedene Kulturfestivals zu organisieren und ausländische Künstler nach Karabach einzuladen. So kommen beide Seiten mit der Kultur des Anderen in Kontakt. Dieses Jahr findet zum vierten Mal ein Musikfestival für Kinder statt. Die Teilnehmer kommen aus zehn verschiedenen Ländern. Dann gibt es zum Beispiel noch Festivals für Poesie oder ein Symposium für Maler und Bildhauer. Darüber hinaus haben wir einige Konzerte im Ausland mit Musikern aus Berg-Karabach organisiert. Die armenische Diaspora ist sehr interessiert an diesen Events und unterstützt uns in unserer Arbeit. Vor nicht allzu langer Zeit haben wir die Opernsängerin Montserrat Caballé nach Karabach eingeladen und sie ist seitdem so etwas wie eine Kulturbotschafterin für uns. In der Tat gibt es viele berühmte Künstler, die Karabach besichtigen wollen. Allerdings ist das oftmals nicht zu einfach, weil die aserbaidschanische Lobby sie an einer Reise hierher zu hindern versucht.

Wir würden nun gerne mit Ihnen über die Jugendarbeit sprechen. Was sind die bekanntesten Projekte für junge Menschen in Karabach? Und inwiefern kann Kultur die Perspektiven für die Jugendlichen verbessern?

Das Ministerium selbst bietet nicht so viele Projekte für Jugendliche an. Es gibt einige NGOs die solche Events organisieren und wir kümmern uns um die finanzielle Unterstützung. Auf diesem Weg lassen wir den Organisationen den Freiraum, die Inhalte der Projekte selbst zu bestimmen. Außerdem haben wir gerade eine Initiative gestartet, mit der wir versuchen, Hochschulabsolventen die Möglichkeit zu bieten, in ihrem Fachbereich arbeiten zu können. So können wir die Abwanderung von jungen Menschen verhindern. Zusätzlich organisieren wir verschiedene Programme, die auf „non-formal education“ basieren. Im Mai werden wir zum Beispiel ein Seminar für Absolventen im Bereich Tourismus haben, das es ihnen ermöglichen soll, als Reiseführer zu arbeiten.

Welchen Einfluss hat der Konflikt auf die Bildung und das Leben der jungen Menschen? Haben sie ähnliche Möglichkeiten wie junge Leute in „anerkannten Staaten“?

Der Konflikt hat starke Auswirkungen auf das Leben der Jugendlichen in Berg-Karabach, insbesondere im Bezug auf ihre Bildung. Deshalb kann man sie eigentlich nicht mit jungen Menschen in anderen Ländern vergleichen. Ein Grund dafür ist natürlich, das Berg-Karabach kein international anerkannter Staat ist. Dadurch ist es schwierig für Studenten, Stipendien zu erhalten oder im Ausland zu studieren. Ein weiterer Grund ist das Sprachproblem. Die meisten jungen Leute hier können vielleicht Russisch und ein bisschen Englisch oder Französisch. Aber das ist natürlich nicht genug, um eine internationale Ausbildung zu erhalten. Dieses Problem existierte schon in der Sowjetunion, als die wichtigste Kommunikationssprache noch Russisch war. Seit dem Ende der UdSSR versuchen wir, das zu ändern und jungen Menschen den Zugang zu Fremdsprachen zu erleichtern. Zum Beispiel laden wir regelmäßig Professoren aus verschiedenen Ländern nach Berg-Karabach ein. Leider bekommen wir aber nur selten die Gelder dafür und die Länder dieser Professoren sind gegen die Gastprofessur. Wir hatten gerade einen Fall, wo ein Professor aus Europa in Karabach unterrichten wollte und eine Finanzierung bei der Regierung beantragte, diese aber eine Unterstützung verweigerte. Diese hätte er nur für Armenien bekommen, nicht aber für Karabach. Leider können wir solche Austausche aufgrund der wirtschaftlichen Situation nicht von unseren eigenen Geldern finanzieren. Deshalb müssen Studenten aus Karabach auch üblicherweise ihren armenischen Pass benutzen, wenn sie sich für Stipendien bewerben.

Passiert es oft, dass gut ausgebildete junge Menschen Karabach verlassen?

Natürlich kommt es vor, dass junge Menschen ihre Heimat verlassen. Aber die meisten kommen nach ein oder zwei Jahren wieder zurück, weil sie feststellen müssen, dass es nicht so leicht ist, seinen Lebensunterhalt im Ausland zu verdienen. Es gibt aber auch einige, die gute Positionen in ihrem Arbeitsfeld finden und dort bleiben, weil sie in Karabach keine Arbeit in diesem Feld finden würden.

Welche Rolle spielt das Ministerium im Bezug auf „peace building“-Initiativen für junge Menschen aus der Region?

Bevor ich Ministerin war, gab es viele regionale Friedensprojekte für junge Leute, sowohl mit Teilnehmern aus Aserbaidschan als auch aus Berg-Karabach. Die aserbaidschanischen Teilnehmer hatten jedoch oft Probleme bei der Rückkehr nach Aserbaidschan und wurden teilweise von der eigenen Regierung verhört. Ich habe selbst an solchen Projekten teilgenommen. Im Moment haben wir keinen direkten Austausch mit Aserbaidschan, aber es gibt natürlich Friedensprojekte für die Jugendlichen in Berg-Karabach. Letztes Jahr haben wir zum Beispiel ein Projekt namens „Frieden für Karabach“ organisiert, das den Teilnehmern das Thema Frieden durch Kunst nähergebracht hat. Aber leider glaube ich nicht, dass die Aserbaidschaner bereit für Frieden sind. Vor ein paar Jahren schrieb der Aserbaidschanische Autor Akram Ayslisli ein Buch, in dem er seine Meinung über die Armeniern darstellte, welche nicht der Meinung der Regierung entspricht. Kurz darauf verbrannten Menschenmassen seine Bücher auf den Straßen Bakus. Sie lassen keine anderen Meinungen über Armenier zu. Es soll nur das eine Bild geben, nämlich dass wir Aggressoren sind.

Seit dem Kriegsende ist Karabach sowohl ethnisch als auch kulturell sehr homogen. Glauben Sie, dass es in der Zukunft wieder zu einem stärkeren Multikulturalismus kommen kann?

Bevor der Konflikt ausbrach, haben hier auch Griechen, Russen und Azeris zusammen gewohnt. Jetzt gibt es vielleicht noch zwei oder drei Dörfer, in denen nur Russen oder nur Griechen leben. Und nur ein paar Aserbaidschaner sind geblieben. Die russische und die griechische Gemeinde praktizieren ihre eigene Kultur und Religion. Und natürlich müssen sie nicht unsere Werte und Traditionen übernehmen. Mit den Azeris ist es etwas komplizierter, weil ihre Identität sich sehr von der unseren unterscheidet. Trotzdem basieren die wenigsten unserer Projekte und initiativen auf der armenischen Kultur. Jetzt haben wir zum Beispiel ein Projekt gestartet, das sich mit Bachs Musik auseinandersetzt.

Heißt das, dass es im Falle von Frieden trotzdem sehr schwierig sein wird, für Armenier und Azeris wieder friedlich zusammenzuleben?

Ich glaube nicht, dass es bald zu Frieden kommen wird und die Azeris nach Karabach zurückkommen werden. Vielleicht in ein paar Jahrzehnten. In gewisser Hinsicht hat der Krieg viele offene Fragen beantwortet. In dem Dorf, aus dem ich ursprünglich komme, lebte in den 1960ern nur ein einziger Azeri, der Hirte war. In den 70ern und 80ern kamen durch die sowjetische Siedlungspolitik mehr und mehr Azeris in das Dorf. Als der Konflikt begann, wollten die Karabach-Armenier, dass Karabach wieder Teil Armeniens wird, wie in den 1920ern. Aber die Azeris versuchten, diesen Prozess zu unterbinden und griffen uns an. Wir hatten anfangs gar keine Waffen, um uns zu verteidigen und benutzten Jagdwaffen. Wir wollten uns nur verteidigen. Später wurden wir dann gezwungen, nach Stepanakert zu ziehen. Dort verbrachten wir die Monate bis 1992 im Keller, weil die Azeris uns von Schuschi (Anm.: auch Schuscha) aus bombardierten. Unsere Wohnung war komplett zerstört. Die Freiheitskämpfer, die unsere Dörfer verteidigten, bauten ihre eigenen Waffen. Heutzutage kann man sie im Museum in Stepanakert betrachten. Später bekamen wir dann auch Waffen von der Sowjetischen Armee.

Sie dreht uns ihren Laptop zu und zeigt uns verschiedene Dokumentationen über die Demonstrationen 1988 und die Bombardements auf Stepanakert – unterlegt mit dramatischer Musik.

Die Aserbaidschaner behaupten genauso, dass Karabach ihr Mutterland ist. Glauben Sie, dass Kultur leicht dazu benutzt werden kann, um Aggressionen zu rechtfertigen?

Wir nutzen Kultur nicht dazu, um zu beweisen, dass die Armenier schon immer hier gelebt haben. Das ist nicht unser Ziel. Aber es stimmt, dass Kultur schnell politisiert wird, auch wenn nicht immer absichtlich. Aserbaidschan benutzt die Kultur, um seine politischen Ansprüche zu rechtfertigen und wir müssen irgendwie darauf reagieren. Wir sind an einem Punkt angelangt, wo die Kultur in die politische Auseinandersetzung mit hineingezogen worden ist. Wir versuchen allerdings alles zu bewahren, was zur Kultur Berg-Karabachs gehört. Dazu gehören nicht nur die armenischen Kirchen, sondern zum Beispiel auch Moscheen. In Schuschi gibt es drei Moscheen, die erhalten worden sind.

Ist das auch einer der Gründe, warum sich das Ministerium für Kultur und Jugendangelegenheiten in Schuschi und nicht in Stepanakert befindet?

Schuschi war das Zentrum der armenischen Zivilisation im 19. und 20. Jahrhundert bis die Tartaren die Stadt eroberten. Es galt als das Zentrum für Kultur und Zivilisation in der ganzen Region. Dieses Gebäude, in dem wir uns jetzt befinden, war ursprünglich eine Schule und wurde vor mehr als 100 Jahren erbaut. Es gab drei große Feuer in Schuschi, 1905, 1920 und 1991. Das Ministerium in Schuschi zu haben, entstand aus dem Hintergrund, die Stadt wieder als kulturelles Zentrum zu etablieren und die Menschen an die Bedeutung dieses Ortes zu erinnern. Schuschi sollte nicht nur als Kriegsschauplatz erinnert werden. Wir wollen diese Erinnerungen ersetzen.

Sie greift in eine Schublade und reicht uns etwas in Küchenpapier-Gewickeltes. Es sind ein paar winzige Fossile in der Form von fünfzackigen Sternen (auf lateinisch: Pentacrinus). Sie kommen aus ihrem Heimatdorf, „the village of stars“.