Berg-Karabacher auf internationaler Bühne

Masis Mailyan, Ex-Minister und Politikexperte in der Redaktion des Presseclubs von Berg-Karabach. Foto: ©Paul Toetzke

Eine Begegnung in Stepanakert, April 2015
Von Elena Ammel

Hatte der Taxifahrer uns wirklich richtig verstanden? Verfahren hatte er sich trotz des dichten Nebels, der sich an diesem Aprilmorgen auf Stepanakert legte, jedenfalls sicher nicht. Die Straßen der Hauptstadt der selbsternannten Republik Berg-Karabach kannte er schließlich wie seine Westentasche. Dennoch, als das Taxi vor einem mit Wein bewachsenen Messingtor zum Stehen kommt und wir mit einem „Wot, Pressclub“ zum Aussteigen aufgefordert werden, zweifeln wir.Hier wollte uns Masis Mailyan, Vorsitzender des Public Council on Foreign Affairs and Security zum Interview empfangen? Erst als sich die Tür zum Wohnhaus öffnet und ein junger Herr – eines von drei Redaktionsmitgliedern des Press Clubs, wie sich später herausstellt – mit einem herzlichen Lächeln hereinbittet, sind wir sicher, am richtigen Ort zu sein.

Der in einem kleinen Messingkännchen gekochte Kaffee, in Deutschland bekannt als türkischer Mokka, in Stepanakert eine typisch armenische Spezialität, ist gerade fertig, als Masis Mailyan zur Tür hereinkommt.

Masis Mailyan ist Berg-Karabacher. Seine Familienwurzeln kann er bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen. 1967 in Stepanakert geboren, besuchte er eine russische Schule und studierte, nach Ableistung seines zweijährigen Militärdienstes für die Sowjetische Armee in Georgien (1986-1988), Physik und Mathematik am Staatlichen Pädagogischen Institut Stepanakert, aus dem nach der Unabhängigkeitserklärung Berg-Karabachs 1994 die Staatliche Universität Arzakh hervorging. Da war Mailyan bereits aus der armenischen Hauptstadt Jerevan zurückgekehrt, wo er ein Aufbaustudium in Sozialpsychologie absolviert hatte. 1998 verließ er seine Heimat erneut, um für ein Jahr an die Diplomatischen Akademie in Wien zu gehen. Doch immer wieder kehrte er nach Berg-Karabach zurück. Hier bekam er vom Präsidenten der de-facto-Republik den Rang des Sonderbeauftragten (Envoy Extraordinary) verliehen – nach dem Titel des Botschafters der höchste Rang, den Beschäftigte im diplomatischen Dienst erhalten können.

Heute ist Masis Mailyan renommierter Politikexperte, kein klassischer Diplomat. Als Vorsitzender des in Stepanakert angesiedelten Thinktanks Public Council on Foreign Affairs and Security macht er sich mit anderen „führenden Persönlichkeiten der Zivilgesellschaft und Experten“ für eine Lösung des Berg-Karabach-Konflikts stark. Dem für die Interessen Berg-Karabachs eintretenden Council gehören sieben feste Mitglieder aus Berg-Karabach an, assoziiert sind jedoch wesentlich mehr. Darunter besonders viele Armenier, die in Armenien oder der großen armenischen Diaspora leben. Die Arbeit laufe gut – Mailyan kann sich auf ein großes Netzwerk verlassen, zu dem auch ExpertInnen aus Russland, den USA und der EU gehören. Er ist sichtlich zufrieden, dass in diesem Format endlich die Belange der de-facto Republik international präsentiert, diskutiert und in ihrer Umsetzung vielleicht ein kleines Stück vorangebracht werden können. Das war nicht immer so.

Von 2001 bis 2007 war Masis Mailyan stellvertretender Außenminister. Ein Offizieller einer international nicht-anerkannten Republik, dem nicht nur Staatsempfänge, sondern auch der Zugang zu vielen internationalen Gesprächsformaten verwehrt blieben.

„When you are an official of a non-recognized country, many doors are closed. But if you are an independent expert, they suddenly open internationally.“

Dennoch verlor er nicht den Glauben an die Möglichkeiten, als Politiker etwas zu bewegen. 2007 kandidierte er als Parteiloser in den Präsidentschaftswahlen – und wurde Zweiter von insgesamt fünf Kandidaten. Das war ihm zu wenig, so würde man die Zustände in Berg-Karabach nicht grundlegend verbessern können. Zeit für einen Richtungswechsel. Mailyan verließ die Politik und wechselte in den nicht-staatlichen Bereich der Politikanalyse und –beratung.

Ein Diplomat auf ungewohnten Wegen. Der Plan ging auf, schon bald bekam Mailyan viele Einladungen aus dem Ausland. Nicht ohne Stolz zählt er namenhafte Institutionen auf: Center for Strategic and International Studies (USA), Carnegie Endowment for International Peace (GB), Brookings Institution, (USA), Columbia University (USA), Oxford University (GB), Cambridge University (GB), Caucasus Institute, Eurasia Partnership Foundation etc. Die Möglichkeit, dort zu sprechen oder zu publizieren betrachtet Mailyan als Zeichen der Anerkennung seines Engagements für die Belange der nicht-anerkannten Republik.

Wissenschaftler mit einer klaren Mission – in diesem Sinne empfindet er auch die Teilnahme von Mitgliedern des Public Council on Foreign Affairs and Security an einem von der EU geförderten, grenzübergreifenden Forschungsprojekt zu innerstaatlichen Konflikten in anderen Weltregionen. An diesem Projekt sind ArmenierInnen ebenso wie AserbaidschanerInnen beteiligt. Bereits 2003 gründeten die britischen NROs Alert, Consiliation Resources und das London Information Network on Conflicts and State Building (LINKS) ein Konsortium unter der Schirmherrschaft der EU. In Kooperation mit lokalen Aktivisten soll dieses Konsortium den Friedensprozess in Berg-Karabach unterstützen.

Der scharfe Kontrast, den Mailyan hier zwischen den Möglichkeiten eines Politikers und eines Wissenschaftlers zeichnet, ist alles andere als die Beschreibung eines Einzelschicksals. Die Zusammensetzung der internationalen Formate, die eine Beilegung des Konfliktes herbeiführen sollen, lässt kaum Platz für einen offiziellen Repräsentanten aus Berg-Karabach zu. Der Konflikt wird als zwischenstaatliche Angelegenheit zwischen Armenien und Aserbaidschan betrachtet, die de-facto Republik Berg-Karabach hat kein direktes Mitspracherecht. So absurd diese Situation zunächst erscheinen mag, so leuchten auf den zweiten Blick auch die diplomatischen Gründe ein, die die Einbeziehung Berg-Karabachs in die Verhandlungen undenkbar erscheinen lassen. Seitens Aserbaidschans würde ein solcher Schritt einer Gleichsetzung mit der international anerkannten Staatengemeinschaft entsprechen. Ein absolutes Tabu. Und ein Dilemma, das die „offizielle“ Diplomatie der de-facto Republik praktisch aushebelt, ad absurdum führt.

Die zweite Seite der gleichen Medaille, so Mailyan, die die außenpolitische Machtlosigkeit der Regierungselite in Berg-Karabach verdeutlicht, ist das Fehlen einer starken Stimme der de-facto Regierung in den internationalen Medien. Zwar ist der gesamte Konflikt außerhalb des Südkaukasus weitgehend unbekannt. Die wenigen Berichte, die gelesen werden, stammen darüber hinaus jedoch fast ausnahmslos aus der Feder ausländischer JournalistInnen, die entweder mit der armenischen oder mit der aserbaidschanischen Seite sympathisieren – oft ohne je selbst in Berg-Karabach gewesen zu sein. Alternativ versuchten einige internationale Medien, eine vermeintlich objektive Sicht zu präsentieren. Diese würde sich aber allzu oft in abstrakten, realitätsfernen Lösungsvorschlägen verlieren.

Auch diese Situation will Maliyan durch seine Arbeit im Namen des Councils ändern. Eine enge Kooperation besteht zwischen seinem Thinktank und dem sich als unabhängig begreifenden Press Club Berg-Karabachs. Man teilt sich die Büroräume, die Redaktion des Presseklubs ist gleichzeitig Hauptquartier des Thinktanks. Außerdem ist der Präsident des Presseklubs, Gegham Baghadasaryan, eng mit Masis befreundet und Mitglied des Council-Vorstands. Ein Win-Win-Geschäft für beide Seiten. Im derzeit einzigen Medium des Presseklubs, der Zeitschrift Analytikon, werden regelmäßig Artikel von Mitgliedern oder Assoziierten des Councils veröffentlicht. Auf diese Weise finden sich die Namen regionaler Autoren nicht selten neben Namen international renommierter Wissenschaftler*innen. Die Besonderheit dieses Magazins: Es handelt sich um „the only magazine in the South Caucasus region where you can find articles from [the] other side.“  Damit wird im kleinen Rahmen der Analytikon, im Nicht-Regierungsbereich, ein runder Tisch nachgeholt, der im großen Rahmen der Konfliktlösungsformate, etwa der OSZE Minsk-Gruppe, wohl nie zustande kommen wird. Mit ernster Mine fügt Mailyan hinzu, die Existenz einer Zeitschrift wie Analytikon sei in Aserbaidschan natürlich vollkommen undenkbar (wie es Armenien aussähe, dazu sagt er nichts). In Berg-Karabach hingegen würden durch die Not der Lahmlegung der offiziellen Diplomatie neue Bande entstehen, die sich gemeinsam für einen die Konfliktlinien überschreitenden Dialog einsetzten.

„All three societies, people from Azerbaijan, Armenia and Nagorno-Karabakh, must be prepared for peace – at the same time!“

Bei aller Zufriedenheit mit der internationalen Anerkennung als Wissenschaftler ist Mailyan auch überzeugt, dass es ohne die aktive Beteiligung der Bevölkerung vor Ort keinen erfolgreichen Friedensprozess geben wird. Obwohl sich seine Motivation vorrangig auf außenpolitische Ziele richtet, will Mailyan auch innenpolitisch erfolgreich sein, die Menschen im eigenen Land erreichen. Auch in dieser Hinsicht hat der Wissenschaftler Masis dem ehemaligen Minister einiges voraus: Der Regierung gelänge es seit Jahren nicht, die Menschen aus Artsakh, wie die BewohnerInnen der de-facto Republik die Enklave selbst nennen, von der Notwendigkeit ihres Mitwirkens zu überzeugen. Kaum jemand verstände, wieso man sich auf den Frieden vorbereiten sollte, während auf der Gegenseite, in Aserbaidschan; für den Krieg gerüstet werde. Genau hier setze der Council an. In verschiedenen Regionen der de-facto Republik werden z.B. Diskussionen organisiert, geben Masis und seine Kollegen Erfahrungen und Expertise zu den friedlichen Lösungsstrategien anderer Konfliktparteien (siehe EU-Projekt) weiter. Masis redet ruhig und überzeugt – auffällig ist jedoch, dass er die eigenen Bemühungen stets mit Negativbeispielen der (offiziellen) aserbaidschanischen Seite kontrastiert. Auf diese Weise katapultiert er Berg-Karabach mehrmals selbst in die Defensive. Er rechtfertigt das Verhalten der Regierung Armeniens und Berg-Karabachs und das mangelnde Interesse der Zivilgesellschaft als Reaktion auf die aserbaidschanische Propaganda – die von Feindbildern triefenden aserbaidschanischen Schulbücher oder die vernichtend aggressive Rhetorik des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew. Da könnte man „auf der anderen Seite“ natürlich nicht einfach stillhalten. Egal wie groß der eigentliche Wunsch nach Frieden sei.

Als wir uns von Masis Mailyan verabschieden, erscheinen uns die Grenzen zwischen zivilgesellschaftlichem Engagement auf der einen und regierungstreuem Handeln auf der anderen Seite verwischter als je zuvor. Umso klarer geworden ist uns dafür eines – Diplomatsein kann man überall, das hat wenig mit internationaler staatlicher Anerkennung zu tun. Masis ist Diplomat und er ist es geblieben, als stellvertretender Außenminister ebenso wie als Politikexperte. Ein Vertreter der Interessen seiner Heimat. Er folgt einer sehr schwierigen, aber klaren Mission – in seiner jeweiligen Position spiegelt sich dabei lediglich der Versuch, durch Anpassung an die jeweiligen Umstände, die eigenen Möglichkeiten zu optimieren.

Masis lächelt, als er uns zurück in den Nebel entlässt.