Befreiung vs. Besetzung – Der Krieg um Berg-Karabach aus persönlicher Perspektive

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Lisa im Gespräch mit Bakhtiyar in seinem Teppichladen. Foto: ©Lina Verschwele

Von Lisa Westphal

Die Geschichten zum Krieg könnten unterschiedlicher nicht sein und gleichen sich doch: ein Porträt zweier Männer, die in jeweils entgegengesetzte Richtung fliehen mussten.

Die Versionen der Geschichte um die Region Berg-Karabach könnten unterschiedlicher nicht sein. Für die Armenierinnen und Armenier bezeichnet Berg-Karabach eine Region, die bei Gründung der Sowjetunion unrechtmäßig der Teilrepublik Aserbaidschan zugeteilt wurde. Daher wird die Eroberung Karabachs durch armenische und karabachische Truppen als Befreiung von Karabach bezeichnet. Die Aserbaidschaner hingegen betrachten Berg-Karabach als „Wiege ihrer Nation“, welche im Krieg zwischen 1992 und 1994 von Armenien unrechtmäßig besetzt wurde.

In Gesprächen mit beiden Seiten bekommt man oft das Gefühl, über völlig unterschiedliche Ereignisse zu reden. Lediglich die Muster gleichen sich. Gegenseitig wird sich vorgeworfen, Pogrome an der eigenen Ethnie verübt zu haben, um sie dann der anderen Seite in die Schuhe zu schieben; angeblich beweisen historische Karten eindeutig, dass das Gebiet seit Jahrtausenden aserbaidschanisch/armenisch besiedelt ist. Eine gemeinsame Version der Geschichte zu schreiben, scheint unmöglich.

Schaut man sich jedoch die persönliche Ebene an, wird vor allem eines deutlich: Gelitten haben beide Nationen unter dem Krieg um Karabach. Die persönlichen Geschichten sind sich sogar überraschend ähnlich. Beispielhaft dafür sind die Erlebnisse von Bakhtiyar und Saro:

Bakhtiyar sitzt in seinem Geschäft „Karabach-Teppiche“ im Hinterzimmer auf dem Sofa unter den Portraits der Aliyevs, die seit Ende der 60er Jahre Aserbaidschan regieren. Während er uns Tee einschenkt und sich eine Zigarette anzündet, erzählt er von seinen Erinnerungen aus Karabach. Im Alter von 14 Jahren musste er seine Heimat verlassen. „Wir hatten keine Kindheit; es gab keine Spiele, dafür viel Blut, zerstörte Häuser und Tod.“ Bakhtiyar floh zusammen mit allen azerischen Familien am 8. Mai 1992 aus Şuşa/Schuschi in Berg-Karabach, ein Tag bevor armenische Truppen die Stadt einnahmen. Noch heute trifft er sich jedes Jahr mit anderen Flüchtlingen, um diesem tragischen Tag zu gedenken. In Karabach wird einen Tag später eine Militärparade zur Befreiung von Schuschi abgehalten. Es mutet zynisch an, wenn man die Geschichten der anderen Seite kennt. 

Nach zweieinhalb Jahren in verschiedenen Flüchtlingsheimen zog der Sohn einer Lehrerin und eines Ingenieurs mit seiner Familie nach Baku und eröffnete nach seinem Wehrdienst seinen Teppichladen. Heute fühlt er sich in Baku zu Hause. Berg-Karabach hat trotzdem einen Platz in seinem Herzen, sagt er – wenn er könnte, würde er morgen zurückziehen.

Saro, promovierter Historiker und Präsident der Union für armenische Flüchtlinge wuchs selbst in Baku auf, bis er 1988 mit seiner Familie vor an den Armenier*innen begangenen Pogromen aus der Hauptstadt Aserbaidschans nach Schuschi floh. Wie sehr sich die Stimmung in Baku hin zu einer feindlich gesinnten gewandelt hatte, realisierte er, als ihm ein guter, aserbaidschanischer Freund ein Messer zeigte, das er sich „für die Armenier“ gekauft hatte. Er überzeugte seine Familie, das Land zu verlassen. „Sie waren wie Kaninchen im Anblick der Schlange, besonders meine Mutter war in Schockstarre. Sie konnte sich nicht vorstellen, ihr Zuhause zu verlassen.“ Auf seiner Flucht vor den Unruhen in Baku schlief er im Bus auf der Schulter eines Aserbaidschaners ein. Mit seiner Familie, die einige Wochen später kam, hauste er während des Krieges in den Büroräumen einer Möbelfabrik, bevor sie ein leerstehendes Haus einer aserbaidschanischen Familie beziehen konnten. Saro schloss sich den Partisanenkämpfern an, um Karabach zu „befreien“, auch bei der „Befreiung“ von Schuschi nahm er als Kämpfer teil.

Saro in Schuscha. Foto: ©Lina Verschwele

An diesem Tag trennten sich die Lebenswege der beiden Flüchtlinge. Dass sie sich noch einmal begegnen, scheint in Anbetracht der verfahrenen politischen Situation sehr unwahrscheinlich. Saro und Bakhtiyar eint die Liebe für Karabach, sie trennt eine militärisch hochgerüstete Grenze. Ihre Geschichten ähneln sich, beide flohen aus ihren Heimatstädten, verloren enge Freunde und Familienangehörige, beide haben sich inzwischen eingelebt in der Geburtsstadt des jeweils anderen und dennoch bezeichnen sie sich beide noch heute als Flüchtlinge. Als Außenstehende wird es immer unverständlicher, warum Armenier*innen und Aserbaidschaner*innen sich streiten, warum eine Lösung des Konflikts allerdings noch immer nicht in Aussicht ist, wird in Gesprächen wie denen mit Bakhtiyar und Saro klarer. Ihre Geschichten sind zwei Seiten einer Medaille. Nur dass die beiden gefühlt nicht von derselben Medaille reden, so unterschiedlich sind ihre Versionen der Ereignisse.