Back to the Roots? Junge Menschen aus der armenischen Diaspora auf den Spuren ihrer Vorfahren

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Die Freiwilligen und wir in Alanas Wohnung in Schuscha. Foto: ©Paul Toetzke

Von Elena Ammel

Von der Armenischen Diaspora, von ihrem ungewöhnlich großen Umfang und ihrer zentralen Rolle für die Entwicklung Armeniens und Berg-Karabachs hatten wir schon in Deutschland viel gehört. Auch vom Problem des Braindrains war oftmals die Rede – v.a. die armenische Enklave Berg-Karabach habe mit der Abwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte ins Ausland zu kämpfen, blute förmlich aus.

Gerade die gut ausgebildete Jugend ziehe es in großer Zahl in die armenische Hauptstadt Yerevan oder noch weiter.Womit wir nicht gerechnet hatten: Es gibt auch eine gegenläufige Bewegung. Berg-Karabach ist Ziel junger Freiwilliger weltweit. Die Organisation Birthright Armenia, gegründet 2003 von der wohlhabenden Exil-Armenierin Edele Hovnanian, wirbt online mit dem Slogan „Inspiring a new generation“ und finanziert jungen Menschen mit armenischer Abstammung einen mehrmonatigen Freiwilligendienst in Armenien – und seit diesem Frühjahr auch in Berg-Karabach.

„Our mission is to strengthen ties between the homeland and Diasporan youth, by affording them an opportunity to be a part of Armenia’s daily life and to contribute to Armenia’s development through work, study and volunteer experiences, while developing life-long personal ties and a renewed sense of Armenian identity.“

[Dieses Zitat und weitere Informationen zu Birthright Armenia sind online abrufbar unter: http://www.birthrightarmenia.org/en/]

Das erste Mal treffen wir viele der Freiwilligen in Nor Maragha einem kleinen Dorf unweit von Stepanakert. Fast alle sind mitgekommen zum von Birthright organisierten Ausflug zum Gedenktag an das Massaker von Maragha. Garo, ein 32-jähriger Finanzexperte aus Amman, Jordanien, übersetzt uns sinngemäß, was am Rednerpult gesagt wird. Auch Alana (29), ursprünglich aus Chicago, würde gern dolmetschen, fühlt sich mit ihrem Armenisch allerdings noch nicht sicher genug. Wie viele der Birthright-Freiwilligen, erlangte sie ihre ersten Sprachkenntnisse erst vor Ort, im Rahmen des obligatorischen Armenisch-Unterrichts. Aber Alana hilft uns in anderer Hinsicht: Spontan bekommen wir für die nächsten drei Nächte einen Schlafplatz in ihrer Wohnung im nahegelegenen Schuschi angeboten. Normalerweise wohnen die Freiwilligen in Gastfamilien. Alana aber wollte während ihres einmonatigen „Pionieraufenthalts“ – die Freiwilligen „testen“ gerade, ob in Zukunft regelmäßig nach Berg-Karabach entsendet werden kann – ein bisschen mehr Privatsphäre.

Alana macht ihr Ding

Alana macht ihr Ding, ganz egal wo auf der Welt sie gerade ist. Mit ihrem Abschluss von der Kunstakademie Boston, Massachusetts, stieg sie zunächst in einer zeitgenössischen Kunstgalerie ein, ging dann für einige Monate nach Indien. Die letzten drei Jahre arbeitete sie als Kunstlehrerin an der Higashi School, einer Schule für autistische Kinder. Ein beglückender, aber sehr kräftezehrender Job, von dem sie sich in immer exotischeren Urlauben zu erholen versuchte. In Armenien aber, dem Geburtsland ihres Großvaters, war sie noch nie gewesen – bis sie von einer Freundin von Birthright Armenia hörte und beschloss: „This was as good a way as any to facilitate getting out of the quicksand I felt I was stuck in and getting out of the U.S. semi-permanently“. Die Voraussetzungen erfüllte Alana: Gern war sie bereit, mindestens 6 Wochen vor Ort zu bleiben, in die Altersgruppe der 20- bis 32-Jährigen passte sie und auch einen High School Abschluss konnte Alana vorweisen. Der Nachweis, Armenien vor Erreichen des 12. Lebensjahrs verlassen zu haben erübrigte sich, weil sie nie armenische Staatsbürgerin gewesen war. Und am wichtigsten: Durch die Vorlage einer Geburtsurkunde ihres Großvaters konnte sie bezeugen, dass sie zu 25% armenischer Abstammung war.

Keine fünf Monate nach der erfolgreichen Bewerbung befand sich Alana auf dem Weg ins Unbekannte. Mit einem One-Way Ticket und nur einem Koffer flog sie nach Yerevan. Platziert wurde sie entsprechend ihrer Vorerfahrungen im International Child Development Center (ICDC), einer Schule für Kinder mit Autismus und im Armenian Center for Contemporary Experimental Art (NPAK/ACCEA). „Perfect fit“, sagt Alana und strahlt, als sie uns von einer Ausstellung erzählt, die sie im März 2015, kurz vor ihrer Abreise nach Berg-Karabach, kuratiert hatte. Hier wurden Werke ihrer autistischen Schüler*innen aus den USA und Armenien präsentiert. Das Medieninteresse war landesweit groß und Alana stolz, gegen die in Armenien weit verbreitete Stigmatisierung autistischer Menschen angegangen und das Bewusstsein der Bevölkerung für die Sinnhaftigkeit einer sonderpädagogischen Förderung geschärft zu haben. Das war der Höhepunkt ihres ersten halben Jahres in Yerevan. Zeit, ein kleines Abenteuer zu erleben: Alana meldete sich als eine von sieben Freiwilligen, um einen Monat in Berg-Karabach zu arbeiten. Schon einmal war sie dort gewesen und hatte die Zeit sehr genossen. Kaum relevant für ihre Motivation schien hingegen die historische Bedeutung, welche die Enklave für Armenier*innen und Aserbaidschaner*innen hat, der immer noch schwelende Krieg mit Aserbaidschan, die prekäre sozio-ökonomische Lage – all das, was unsere Aufmerksamkeit auf Berg-Karabach lenkte und was umgekehrt der Grund für große Teile der dortigen Bevölkerung ist, woanders ihr Glück zu suchen.

Sevan auf Abwegen oder Zwischentöne in Schuschi

Als wir mit der Marschrutka aus Stepanakert im 10 km entfernten Schuschi eintreffen, ist Alanas letzte Woche bereits angebrochen. Bald geht es zurück nach Yerevan und von dort aus – das ist Alanas neuste Idee – vermutlich bald als Kunstlehrerin nach China. Die aufgeweckte Amerikanerin identifiziert sich vor allem mit dem Reisen und ihrer Arbeit. Sie nähert sich Orten über deren Stimmung an, so auch in Berg-Karabach: „I felt Shushi growing inside of me, as steadily as the quiet ivy snaking up the side oft he ruins next door..“. So bleibt die armenische Abstammung in Alanas Fall Voraussetzung, bestimmte Ideen zu verwirklichen – ihre Hingabe jedoch bedingt sie nicht. Im kollektiven Gedächtnis vieler Berg-Karabacher*innen ist Schuschi als die Wiege ihrer Kultur verankert, doch auch vielen Aserbaidschaner*innen gilt die Stadt als zentraler historischer Ort. Von dieser Bedeutung spüren wir zunächst wenig – als wir ankommen ist alles in dichten Nebel gehüllt, kaum ein Gebäude zu erkennen, kaum ein Mensch auf der Straße.

Doch die nächsten drei Tage werden unerwartet bunt: Neben Alana und Garo lernen wir Sevan aus den USA und weitere Freiwillige aus Argentinien und dem Libanon kennen. Wir essen gemeinsam, spielen Karten, erkunden die Stadt und lassen sie uns in all ihrer Symbolhaftigkeit erklären. Immer wieder stoßen wir dabei auf Widersprüchlichkeiten, an jeder Straßenecke, in jeder Erzählung. Wir versuchen zu verstehen und können vieles doch nicht begreifen. Sevan, einem Sunnyboy aus Kalifornien, scheint es ähnlich zu gehen. Von der blutigen Geschichte Artsakhs, wie die Armenier*innen Berg-Karabach nennen, hat er wenig Ahnung. Als wir ihn treffen, ist er gerade wegen Regelverstoßes (man munkelt, er habe das ein oder andere Mal zu tief ins Glas geguckt) zeitweise beurlaubt und nutzt den Freiraum, um über Land zu reisen und das armenische Alltagsleben außerhalb der Hauptstadt kennenzulernen:

„If you only surround yourself with the diaspora, you’re missing a huge chunk of what is true Armenia. It’s a hard life for people who don’t have money abroad. Yerevan is a wonderful city and Armenia’s attempt to modernize, but the rest of the country is far behind.“

[Christopher Sevan Khudaverdyan]

In den USA hat er ähnlich wie Alana alle Zelte abgebrochen. Sein hippes Leben in Portland, Oregon hat er auf unbestimmte Zeit hinter sich gelassen – seinen Job in einer auf ausgefallene Weinlabels spezialisierten Druckerei, seine Freunde, seine Familie. Und dennoch, Sevans ursprüngliche Motivation, mit Birthright nach Yerevan zu gehen, gründet gerade auf diesen Banden, wie er uns erzählt. Aufgewachsen in einer Armenisch-US-amerikanischen Familie, habe er stets das Gefühl gehabt, aufgrund seiner nur rudimentär vorhandenen Armenischkenntnisse keine echte Verbindung zum väterlichen Teil seiner Familie aufbauen zu können. So sei es vor allem das vermutlich nahe Ableben seiner Großmutter gewesen, die auch nach Jahrzehnten in den USA nur Armenisch spricht, das ihn nach Armenien brachte. Hier wollte er mehr lernen über seine Sprache und Kultur. Zu Anfang der Reise ging es also vorrangig um die Erweiterung des eigenen Erfahrungshorizonts. Sevan wollte seiner Großmutter zuhören und seinen zukünftigen Kindern dann eigene Geschichten erzählen können, aus dem Land, in dem sein Vater geboren wurde.

Obwohl Sevan Birthright mittlerweile endgültig verlassen hat ist er heute, nach neun Monaten in Armenien, das, was man als geglücktes Beispiel für die Umsetzung der Birthright-Mission bezeichnen kann: Zurück in Yerevan ist er dabei, ein kleines Unternehmen im Bereich des Obstbaumanbaus aufzubauen, welches der Landbevölkerung ein nachhaltiges Einkommen sichern soll. Noch sind seine Pläne vage, aber dennoch – wenn man Sevan erzählen hört, scheint kein Zweifel zu bestehen, dass er die viel beschworenen Ties zur Armenischen Bevölkerung währed seines Aufenthalts gefestigt hat: „Armenia is a relatively newly independent country. It has come a long way, and has a long way to go. I’m hoping to help it any way I can!“

Ein neuer Mitarbeiter für die Kulturministerin

Das Leben von Garo, dem Finanzexperten aus Jordanien, hingegen, ist schon lange geprägt von armenischen Traditionen. Er scheint in vielerlei Hinsicht der Antipode von Sevan zu sein. Nicht nur, dass er beim abendlichen Musizieren in Alanas Wohnung mit armenischen Volksliedern für Begeisterung sorgt. Er ist bilingual (Arabisch und Armenisch), streng christlich und überzeugt, auf den Pfaden seines gottbestimmten Schicksals zu wandeln. Neben seiner Arbeit in der Finanzabteilung eines Unternehmens verdiente er sich in Amman Abend für Abend als Akkordeonspieler, Pianist und Sänger. Als er kurz vorm Burnout stand, zog er die Notbremse und bewarb sich bei Birthright. Als er wenig später die Zusage bekam, hatte er bereits 10 Businesspläne aufgestellt, wie er sich nach dem Freiwilligendienst auch beruflich in Armenien neu orientieren könnte. Und als wir ihn schließlich treffen, erzählt er uns von seiner neusten Idee in Berg-Karabach zu bleiben und den Menschen vor Ort, die, wie er sagt, außergewöhnlich begabt seinen und so tapfer den Leiden des Krieges trotzten endlich ein gutes Leben zu ermöglichen: „ I moved because i wanted a true purpose for my life instead of working behind a computer screen on a virtual world created by man to make the rich richer.“ Mittlerweile hat Garo eine Stelle im Kulturministerium Berg-Karabachs angenommen.

Auf der Suche

Bei aller Heterogenität gibt es einen Punkt, den diese drei jungen Menschen gemeinsam haben und der im Allgemeinen dafür zu sorgen scheint, dass die Freiwilligen auch untereinander Bande bilden: Vor der Abreise nach Armenien haben sie im Land ihrer Diaspora einen klaren Schnitt gemacht. Von Flucht zu sprechen wäre anmaßend, Suche trifft es besser. Die Freiwilligen, die wir kennenlernen, sind auf der Suche. Für diese Suche bietet Birthright Armenia einen Rahmen. Wohin die Freiwilligen jedoch steuern, ist vollkommen ungewiss. Schwer vorstellbar, dass alle die Mission von Birthright erfüllen, zu Führungspersönlichkeiten werden, ihre Erfahrungen in die „local communities worldwide“ zurücktragen und damit langfristig für noch engere Beziehungen zwischen armensicher Diaspora und Armenien sorgen. Ebenso unklar, inwieweit der Einsatz Alanas, Garos und Sevans die „Armenian homeland youth“ dazu inspirieren wird, sich voller Energie ihrer zentralen Rolle im Nation Building Prozess bewusst zu werden. Und nicht selbst das Land zu verlassen – etwa um einen persönlichen Neuanfang zu wagen und in der Ferne das Glück zu suchen.