Aus Zinn und Plastik

Aus Plastik und Zinn

Museum des verschollenen Soldaten in Stepanakert. Foto: ©Lina Verschwele

Von Elena Ammel und Lina Verschwele

Am 11. Mai 1994 wurde im Krieg um Berg-Karabach ein Waffenstillstand abgeschlossen. Bis heute bleiben viele Soldaten von damals verschwunden. Ausgerechnet ihre Mütter setzen auf beiden Seiten ein Zeichen der Versöhnung. Ein Besuch vor Ort.

Wenn Vera morgens die Tür zum Museum aufschließt‚ ist es ein bisschen wie nach Hause kommen. Was vor ihr liegt‚ hat sie geschaffen: Sie hat die Vitrinen arrangiert, die Plastikblumen besorgt und die Bilder aufgehängt. Dutzende Männer blicken ihr von den Fotos entgegen‚ wenn sie den großen Ausstellungssaal betritt. Eine Großfamilie – sagt sie doch, dass alle hier ihre Söhne seien. Wie auch ihr eigener Sohn sind alle hier Soldaten‚ die im Krieg verschwanden.

Der Krieg um Berg-Karabach ist im Westen fast vergessen: Mit dem Zerfall der Sowjetunion begannen Armenier und Aserbaidschaner um die Kontrolle über Berg-Karabach zu kämpfen. 1991 löste sich die Region de facto von Aserbaidschan und erklärte sich einseitig für unabhängig. Es entbrannte ein Krieg, der erst im Mai 1994 durch einen Waffenstillstand beendet wurde. Trotzdem sterben an der Waffenstillstandslinie bis heute regelmäßig Soldaten. Die Konfliktparteien verhandeln seit Jahren ohne Erfolg, mit jedem Scheitern rückt der Konflikt weiter aus dem Fokus der internationalen Öffentlichkeit.

Vera ist das egal. Sie kann die Geschichte nicht einfach abschütteln, weil es ihre eigene ist. Ausgerechnet im letzten Jahr des Krieges begann für sie sein härtester Abschnitt:

Am 6. Januar kommt ihr Sohn Spartak von der Front zu Besuch. Sie diskutieren‚ wie eine Verletzung an Veras Hand am besten zu therapieren sei. Es ist ein unspektakuläres Treffen und dauert kaum eine Stunde. Vera verabschiedet ihn ohne Vorahnung. Das ungute Gefühl sei erst später gekommen‚ erzählt sie: Am Morgen des 16. Januars 1994 erwacht sie mit Herzklopfen‚ fühlt sich schlechter als sonst. Der Krieg dauert da schon fast drei Jahre an. Der Tag verstreicht und nichts passiert. Erst einige Tage später erhält Vera Post – man teilt ihr mit‚ dass ihr Sohn seit dem 16. Januar verschwunden ist. Von einer Streife mit einem Kombattanten kehrte keiner der beiden zurück.

Sein Verschwinden und das Davor hat Vera sorgfältig dokumentiert. Im Museum des verschollenen Soldaten in Stepanakert, der selbsternannten Hauptstadt von Berg-Karabach, hat sie auf einem Altar versammelt, was von ihrem Sohn geblieben ist: ein Akkordeon‚ einige Bücher und ein Fotoalbum‚ das sein Leben für den Besucher zusammenfasst. Es zeigt den kleinen Spartak in der ersten Klasse‚ den jugendlichen beim Sport‚ den großen als Verkehrspolizist in Uniform. Auch der Garten der Familie ist zu sehen. Spartak habe die Gartenarbeit geliebt, berichtet Vera. Nach dem Krieg wollte er dort ein Schwimmbad bauen.

Blut auf dem Filzrasen

All das erzählt sie gelassen‚ fast einstudiert. Schnell wird klar‚ dass hier schon viele Journalisten nach ihrer Geschichte gefragt haben. Auch das Danach des Verschwindens beschreibt sie routiniert:

Wenige Wochen nach dem 16. Januar‚ am 12. Mai 1994‚ tritt der Waffenstillstand in Kraft. Der Krieg ist vorbei. Vera rechnet nun mit einer baldigen Nachricht ihres Sohnes‚ aus der Gefangenschaft etwa. Aber es kommt nichts. Nicht in den Wochen danach‚ nicht Jahre später‚ überhaupt nie. Ihr Sohn bleibt bis heute verschollen.

Gemeinsam mit ihrer Schwiegertochter sucht Vera nach Hinweisen auf das‚ was am 16. Januar passierte. Sie finden nichts. Als Spartak verschwand‚ war er gerade fünf Monate verheiratet. Das Hochzeitsfoto zeigt das Paar am Grab eines verstorbenen Generals, Spartaks damaligem Chef. Fünf Jahre darauf habe Vera ihrer Schwiegertochter gesagt: Geh und heirate. Es ist ihr erster Abschied. Trotzdem will sie die Hoffnung nicht aufgeben. „Ich glaube‚ dass er noch lebt. Eine Mutter merkt so was doch“. Über zwanzig Jahre sind seit seinem Verschwinden vergangen. Sähe sie ihren Sohn wieder‚ wäre er mittlerweile 43 Jahre alt.

Um ihre Sorgen zu kanalisieren hat sie 2004 mit drei anderen Müttern, deren Söhne ebenfalls im Krieg verschwanden, das Museum des verschollenen Soldaten gegründet. Sie haben es in einen zuweilen skurrilen Schrein verwandelt: Gegenüber des kleinen Altars stehen Schaufensterpuppen in Tarnfleck. Neben den Vitrinen ist eine Kampfszene mit Zinnsoldaten nachgestellt. Jemand hat sie in den Filzrasen geschubst und eigens mit roter Farbe bemalt‚ damit die Szene authentisch wirkt. Abgeklärt erzählt Vera‚ welchen Kampf sie darstellt‚ wer von wo schoss‚ wer wo getroffen wurde. Ihr ganzer Stolz jedoch ist eine ewige Flamme aus Stoff und Plastik‚ sie schnurrt beim Einschalten. Es ist ein Do-it-yourself-Museum‚ eine Mischung aus Pathos und echter Emotion.

Treffen mit der anderen Seite

Erst nach einer ganzen Weile bekommen Besucher eine andere Geschichte zu hören, die Vera nicht ganz so flüssig erzählt:

Als sie 2005 mit einer armenischen Soldatenmutter im russischen Kabardino Balkarien ankommt, ist sie aufgeregt. Gleich wird sie zum ersten Mal Tamara treffen – eine Soldatenmutter, deren Sohn ebenfalls als vermisst gilt. Die gleiche Geschichte, nur andersrum – Tamara ist aus Aserbaidschan.

Noch in der Sowjetunion lebten Aserbaidschaner und Armenier friedlich nebeneinander, in der aserbaidschanischen Sowjetrepublik wohnten und arbeiteten bis in die 80er Jahre fast 400.000 Armenier. Der Krieg hat das unmöglich gemacht. Viele Armenier und Aserbaidschaner der jüngeren Generation haben noch nie jemanden von „der anderen Seite“ getroffen. Die jeweiligen Feinbilder sind zuweilen bis ins Rassistische aufgeladen.

Umso aufreibender muss die Situation in Russland für die drei Frauen gewesen sein. „Ich hatte Blumen und ein Radio für sie dabei – damit sie mit den Nachrichten immer auf dem neusten Stand bleibt – Tamara dagegen brachte Baklava mit. Wir haben die Geschenke ausgetauscht. Dann haben wir geweint“, berichtet Vera. Sie findet, die Mutter trage keine Schuld: „Der Krieg hat seine eigenen Gesetze.“

Seither haben sie sich noch vier Mal getroffen, drei Mal in Tbilisi im neutralen Georgien, einmal in Rostow am Don. Entstanden ist daraus ein Kalender, der die Geschichte der Mütter erzählt und appelliert, Gefangene – egal welcher Seite – endlich freizulassen. Es ist Veras große Hoffnung, dass ihr Sohn nur in Gefangenschaft sitzt.

Der Kalender hat es allerdings bloß in den Nebenraum der Ausstellung geschafft. Unklar bleibt, ob die Schulklasse, die sich gerade im Hauptsaal herumdrückt, auch noch dorthin gelangt. Mehr pflichtschuldig als interessiert schauen sie sich die Fotos an, die Vera und andere Mütter mit karabachischen Offiziellen bei verschiedenen Gedenkfeiern zeigen.

Erst wenige Tage zuvor war Vera auf einer solchen Veranstaltung. Gemeinsam mit hochrangigen Politikern Karabachs hat sie Reden angehört und Kränze niedergelegt, hat den ganzen Zirkus mitgemacht, der Kriegsopfer zu Helden stilisiert. Ein paar hundert Meter vom Museum entfernt, zeigt das Außenministerium Bilder, die emporgereckte Kleinkinder schon heute als „Future Defender of Motherland“ preisen.

Wer verstehen will, warum der Konflikt bis heute ungelöst ist, muss deshalb nicht zur Politik, sondern zu Leuten wie Vera kommen. Allen Bildern zum Trotz wirkt es nicht so, als ob sie wirklich glaubt, dass die Opfer sich lohnen: „Jetzt haben wir auch keinen Frieden“, sagt sie – nicht ohne zu betonen, dass das die Schuld der aserbaidschanischen Regierung sei. Seit Anfang des Jahres haben die Schießereien an der Kontaktlinie noch zugenommen. Auch an diesem Tag sollen eigene Schützen im Gefecht mit gegnerischen Soldaten getötet worden sein. Am Folgetag wird es groß in der Zeitung stehen. Dass die Schicksale des Konflikts auf beiden Seiten die gleichen sind, erfährt man dagegen nur im Nebenzimmer.