Ağdam – Narben eines fernen Konfliktes

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Blick auf die zerstörte Stadt Agdam vom Minarett der Moschee. Foto: ©Paul Toetzke

(Erste Veröffentlichung unter dem Titel Die versehrte Zone in der taz vom 24.07.2015: http://www.taz.de/!5215019/)

Von Paul Toetzke

Der Nebel hängt tief, als wir unser Quartier in Stepanakert verlassen. Man kann keine fünf Meter weit schauen. Die Hauptstadt der nicht anerkannten Republik Berg-Karabach wirkt trostlos und verlassen, die Straßen sind leer – November-Stimmung im April. Seit fünf Tagen befinden wir uns nun in der armenisch besiedelten Bergenklave auf dem Staatsgebiet Aserbaidschans, Wir wollen verstehen, was der Konflikt mit den Menschen vor Ort macht. Ein Konflikt, der seit seinem Beginn 1988 kein wirkliches Ende gefunden hat und trotzdem in Deutschland kaum beachtet wird.

Auch wir sind zunächst erstaunt. Was wir sehen, erinnert wenig an Krieg: blitzblanke Straßen, frisch gestrichene Regierungsbauten. Es herrscht scheinbare Normalität in der mit Abstand größten Stadt Berg-Karabachs. Nachdem Stepanakert im Krieg zum großen Teil zerstört wurde, flickt man nun mühsam die Wunden zusammen.​ Man möchte modern und jung wirken. Vor dem zentralen Park thront eine Statue von Stepan Shahumyan, dem Namensgeber der Stadt. Es gibt kostenloses Wifi für die Jugend, einen Vergnügungspark für die ganz Kleinen. Über der Hauptstraße schwebt ein Banner mit der englischen Aufschrift „Ensure free and fair elections with your participation”. Die Bemühungen um Demokratisierung soll auch den wenigen Touristen so kurz vor den anstehenden Parlamentswahlen nicht vorenthalten werden. Sogar ein moderner Flughafen ist entstanden, der jedoch auf Drohung der Aserbaidschaner hin nicht genutzt wird. Vor dem de-facto-Außenministerium regelt ein Polizist den Verkehr und winkt den vorbeifahrenden Fahrern zu, man kennt sich hier. Ein Hauch sowjetische Provinz-Idylle weht durch den Ort.​

Ein vergessener Konflikt? Für die Menschen in der Region keineswegs. Noch immer gibt es jährlich mehrere Tote bei Schießereien an der Frontlinie zu Aserbaidschan. Auch der Waffenstillstand von 1994 hat keinen Frieden gebracht. Kein Gespräch endet, ohne dass die Feindseligkeiten mit Aserbaidschan erwähnt werden.

Dabei fällt immer wieder der Name „Ağdam“; meistens hinter vorgehaltener Hand. Was hat es auf sich mit diesem Ort? Seit Ende des Krieges ist es verboten, die letzten Ruinen des Kriegsschauplatzes zu besichtigen. Man braucht eine spezielle Erlaubnis der Regierung. Immer wieder werden Journalisten des Landes verwiesen und landen auf der schwarzen Liste Armeniens, weil sie unerlaubt nach Agdam fahren. Das macht uns neugierig. Was verbirgt sich hinter dem Namen Ağdam?

Nach längerem Suchen haben wir endlich einen Fahrer gefunden, der uns für umgerechnet 12 Euro pro Person an den verbotenen Ort fährt. Nicht jeder möchte diese Fahrt auf sich nehmen. Vartan (Name geändert) macht diese Tour jedoch nicht zum ersten Mal – ein lukrativer Nebenverdienst zu den offiziellen Touristen-Fahrten. Er wirkt zunächst gelassen. Allerdings kann er den Sinn unseres Besuches nicht nachvollziehen. „Was wollt ihr da? Dort gibt es nichts zu sehen“, erklärt er in akzentfreiem Russisch. Bevor er losfährt, möchte er noch wissen, ob wir Journalisten sind. Wir verneinen, wir sind Studenten. Auf unsere anderen Fragen antwortet er trocken: „Odkuda ja znaju?“ – woher soll ich das wissen?

Ağdam liegt etwa 26 km östlich von Stepanakert und schon nicht mehr auf dem Gebiet Berg-Karabachs. Die damalige Hauptstadt der gleichnamigen Region, befindet sich auf einem der sieben „umliegenden Gebiete“, die heute die Karabach-Armenier kontrollieren (siehe Karte). Dem Journalisten und Südkaukausus-Forscher Thomas de Waal zufolge sind insgesamt rund 14 Prozent des aserbaidschanischen Staatsgebietes besetzt. Agdam wurde m 18. Jahrhundert gegründet und erhielt 1828 den Stadtstatus. Es gab Fabriken, einen Güterbahnhof und – so hören wir – einen besonders guten Wein. 40–50.000 Menschen lebten hier einst, der Großteil davon Aserbaidschaner.

Mein Handy registriert als erstes, dass wir immer weiter in das offizielle Staatsgebiet Aserbaidschans vordringen und wechselt ins aserbaidschanische Netz. Die Straßen werden schlechter, die Schlaglöcher größer. Auf der rechten Seite tauchen die ersten Ruinen auf. Ein paar einsame Kühe und Schafe grasen zwischen den Trümmerhaufen. Menschen gibt es hier nur noch wenige. Ein Schrotthändler hat sich am Rande der Geisterstadt niedergelassen. In seinem Garten stapeln sich ausgebrannte Autoskelette und verrostete Tankbehälter. Ab und zu kommt uns ein Militärtransporter entgegen. Wie viele Soldaten seit Ende des Krieges in der Ruinenstadt stationiert sind, weiß niemand.

Seit fast hundert Jahren streiten Armenier und Aserbaidschaner um den fruchtbaren Flecken Erde. Beide berufen sich auf die historische Bedeutung der Region für die jeweilige Nation. Der „schwarze Garten“, Nagorno-Karabakh oder zu deutsch Berg-Karabach, kam dabei immer wieder unters Joch der Großmächte und wechselte mehrmals die Staatszugehörigkeit. Nach dem ersten Weltkrieg gehörte die Region in der kurzen Zeit der Unabhängigkeit der südkaukasischen Staaten zu Armenien. Unter Stalins Herrschaft wurde die 4,4 km 2 große Bergprovinz im Zuge der sowjetischen Nationalitätenpolitik der Aserbaidschanischen Sozialistischen Sowjetrepublik zugeteilt, allerdings als autonomes Gebiet. Schon zu dieser Zeit waren etwa dreiviertel der Einwohner ethnische Armenier. Mit dem Zerfall der Sowjetunion kam es zu Pogromen an Armeniern in verschiedenen Orten Aserbaidschans. Genauso gab es auch Angriffe gegen Aserbaidschaner in Armenien. Hunderttausende Menschen wurden vertrieben. In Berg-Karabach hatten die christlichen Armenier und die muslimischen Aserbaidschaner jedoch über Generationen hinweg friedlich zusammengelebt

Ende der 1980er Jahre forderten die Karabach-Armenier einen Anschluss Berg-Karabachs an Armenien. Sie fühlten sich unterdrückt von der aserbaidschanischen Führung. Daraufhin gab es wütende Proteste der Aserbaidschaner in Ağdam. Eine kleine Schar von Männern zog am 22. Februar 1988 in Richtung des armenischen Dorfes Askeran. Dort erwartete sie bereits eine Gruppe von Einwohnern, ausgestattet mit Jagdwaffen. Auch Polizisten standen bereit. Berichten zufolge kam es in den Ausschreitungen zu zwei Todesfällen. Die ersten Vorzeichen eines heranschleichenden Krieges.

Die Landschaft am Straßenrand wird wilder. Die Natur holt sich alles zurück, überwuchert Häuserreste, tilgt letzte Spuren menschlichen Lebens. Hier soll es noch Landminen geben. Immer wieder auf unserer Fahrt sehen wir dunkelblauen Schilder von Halo Trust, die signalisieren, dass das besagte Stück Land entmint wurde. Als ich frage, ob ich aussteigen kann, um ein paar Fotos zu machen, winkt Vartan ab. Nur aus dem Auto heraus. Je weiter wir vordringen, desto nervöser scheint auch er zu werden. Als ein Militärwagen an uns vorbeifährt, bedeutet er mir, die Kamera zu verstecken. Schließlich hält er. „Weiter fahre ich nicht, hier ist Schluss. Ab hier kann ich nicht mehr für eure Sicherheit garantieren.“ Wenige hundert Meter vor uns – wie ein gespenstischer Zeigefinger – das Minarett der Moschee. Das einzige Gebäude, das noch zu erzählen vermag: Hier war mal eine Stadt!

Wir schaffen es, Vartan zu überreden, dass wir wenigstens kurz das Auto verlassen können. Er gibt uns zehn Minuten – und keine Garantie. Seine Warnungen sitzen tief. Vor der Moschee liegt die Blech-Kuppel eines der beiden Minarette – verbeult und vergessen. Nach kurzem Zögern klettern wir auf die Spitze des Minaretts. Hier oben wird das eigentliche Ausmaß der Zerstörung deutlich. Ruinen so weit das Auge reicht. Das Kaukasische Hiroshima. Das ist das verwundete Gesicht einer Region, Narben eines Kriegs, der noch gar nicht so lange her ist; der als „Konflikt“ weiter brodelt, aber für uns weit weg ist und weitgehend ignoriert wird. Spätestens jetzt haben wir verstanden, warum man nach Ağdam kommen muss, um diesen Konflikt zu „sehen“. Die grauen Nebelschwaden, die an diesem Tag über Ağdam hängen, überdecken das Bergpanorama und geben dem Ort etwa Geisterhaftes. Schnell schieße ich ein Foto nach dem anderen und verstecke die Speicherkarte in meinem Socken – sicher ist sicher.

Als wir sicher zurück zum Taxi kommen, ist Vartan bereits abfahrbereit. Plötzlich beginnt er doch zu erzählen. Auch er hat hier im Krieg gekämpft, auf der Seite der Armenier. Der Iran habe sie damals gebeten, die Moschee zu verschonen. Auf die Frage, warum sie denn die Stadt komplett zerstört hätten, antwortet er nur: „Sie haben uns von Ağdam aus beschossen, wir hatten keine andere Wahl“. Andere Quellen sprechen von einer systematischen Zerstörung der Stadt nach ihrer Einnahme. So sollte wohl verhindert werden, dass die ehemaligen Bewohner wieder zurückkehren konnten. Ob das tatsächlich zutrifft oder nur einzelne Soldaten ihrer Siegeslaune freien Lauf ließen, bleibt umstritten.

Nach Ausbruch des Krieges hatte die aserbaidschanische Armee Ağdam zu ihrem Hauptquartier gemacht. Bis zum Sieg der Armenier blieb die Stadt eine der letzten aserbaidschanischen Bastionen. Der Siegeszug der Armenier war aber damals schon fast nicht mehr zu stoppen. Bereits im Sommer 1992 hatten armenischen Truppen die für die Aserbaidschaner strategisch wichtige Stadt Schuscha eingenommen und damit ihre Kontrolle über das Gebiet gestärkt. In Ağdam herrschte Chaos. Verschiedene Einheiten versuchten die Führung zu übernehmen und bekriegten sich gegenseitig. In Baku sah es nicht besser aus. Es kam zur Regierungskrise, dadurch konnten die Aserbaidschaner die Karabach-Front praktisch nicht mehr verteidigen. Am 23. Juli 1993 nutzten die Armenier die Krise in der aserbaidschanischen Hauptstadt und nahmen Agdam ohne große Gegenwehr ein. Die meisten Einwohner waren bereits geflohen. Seitdem gehört Agdam zum besetzten Gebiet durch die Karabach-Armenier und dient als Schutz-Pufferzone zwischen der Frontlinie und dem eigentlichen Gebiet Berg-Karabachs. 1994 wurde mit Hilfe der OSZE Minsk-Gruppe – unter der Leitung von Frankreich, Russland und den USA – ein Waffenstillstand ausgehandelt. Doch von Frieden kann keine Rede sein. Allein dieses Jahr starben schon über 20 Menschen bei Schießereien an der Frontlinie.

Als wir die „verbotene Zone“ verlassen, greift Vartan ins Handschuhfach und bietet uns einen Schluck aus seinem Flachmann an. Maulbeer-Brandy, eine Spezialität aus der Region. Er fragt uns, ob wir irgendetwas Interessantes gesehen hätte. Noch immer im Adrenalinrausch erzählen wir ihm von dem unfassbaren Bild, das sich uns von der Spitze des Minaretts geboten hat. Vartan nickt und schweigt einen Moment. „Ich hatte einmal einen aserbaidschanischen Freund. Keine Ahnung, was aus dem geworden ist. Wahrscheinlich ist der längst tot. Odkuda ja znaju?“ In seiner Stimme schwingt scheinbare Gleichgültigkeit mit. Er bietet uns noch einen Schluck aus dem Flachmann an. Dann zeigt er auf die Ruinen an der Seite der Straße. „Hier wollen sie jetzt Gemüse und Obst anbauen“. Ein Bagger steht inmitten der Trümmer. Angeblich dienen die Steine als Material für den Straßenbau in Berg-Karabach. Blitzblanke Straßen und Gemüsegärten, das präsentiert man lieber als Geisterstädte und Kriegswunden.

Dieser Beitrag erschien in leicht veränderter Form auf boell.de.