Leben mit dem Trauma

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Jenya Arepetian bei der Gedenkfeier in Nor Maragha. Foto: ©Paul Toetzke

Von Lina Verschwele

Rund 80 Jahre nach dem Völkermord an den Armeniern endete der Krieg um Berg-Karabach zwischen Armeniern und Aserbaidschanern: Viele Armenier sehen die Massaker des Krieges als Fortsetzung des Völkermords. Die Feinbilder von damals halten bis heute – ein Ortsbesuch.

Auf den ersten Blick wirkt es wie eine Klassenfahrt: 15 Jugendliche drängen sich in den alten Mercedes Sprinter, der bald gemächlich die Straße entlang schaukelt. Die Stimmung ist ausgelassen, die Gespräche sprudeln. Dabei ist das Ziel der Gruppe kein Feriencamp, kein Badesee und noch nicht einmal ein langweiliges Museum: Es ist Nor Maragha – ein Flüchtlingsdorf. Heute, am 23. Jahrestag der Vertreibung, wollen die Studenten mit den Bewohnern des Ortes der Opfer gedenken.

Am 10. April 1992 überfielen aserbaidschanische Kämpfer die Stadt Maragha. Wer konnte, floh, viele der Älteren waren dazu jedoch nicht mehr in der Lage. Als armenische Kämpfer die Stadt am Folgetag zurück eroberten, waren von den 500 Bewohnern mindestens 43 getötet, über 50 entführt, 19 von ihnen kehrten nicht mehr zurück. Zwei Wochen später attackierten Aserbaidschaner erneut, bis heute ist die Stadt unter aserbaidschanischer Kontrolle. Viele der Flüchtlinge siedelten sich deshalb in den Ruinen eines Dorfes rund 25 Kilometer von ihrer alten Heimat entfernt an und nannten den Ort Nor Maragha – Neu Maragha. Heute leben dort etwa 100 Menschen.

Seit dem Ende der Sowjetunion kämpfen Armenier und Aserbaidschaner um die Kontrolle über Berg-Karabach. 1991 löste sich die Region von Aserbaidschan und erklärte sich für unabhängig. Der Krieg, der danach entbrannte, konnte erst 1994 beendet werden. Zur Ruhe gekommen ist die Region seither nicht – noch immer kommt es an der Waffenstillstandslinie regelmäßig zu tödlichen Zusammenstößen.

Doch für viele Karabach-Armenier geht die Bedeutung des Konfliktes weit darüber hinaus: Die Opfer des Karabach-Krieges sind für viele untrennbar mit dem Trauma des Genozids verbunden. Die an der eigenen Bevölkerung verübten Massaker gelten häufig als Fortführung des Völkermords und die Aserbaidschaner – wegen ihrer politischen und sprachlichen Nähe zur Türkei – als Türken, und damit als Täter.

Auch die Studenten wollen beider Ereignisse gleichzeitig gedenken, ihre von einer NGO geplante Exkursion startet in Stepanakert, der Hauptstadt von Berg-Karabach. Kurz nach der Abfahrt stimmt ein Student ein Lied an: „My home in Fatherland“, so übersetzt es Artak, ein Student aus dem Libanon, ins Englische. Es ist ein düsteres und martialisches Lied, es handelt vom Leben in der Fremde, von Vertreibung, Sehnsucht nach der ungekannten Heimat, verbrannten Klöstern und von Grabsteinen, die mit Tränen gewaschen werden. Es ist eine Hymne der Diaspora auf Armenien – wenn man so will, eine Hynme für Leute wie Artak. Der 25 Jährige ist Diaspora-Armenier, erst seit Oktober lebt er in Karabach. Nur zwei Mal war er vorher für kurze Besuche in Armenien. Als Freiwilliger arbeitet er jetzt an einer Website über den Genozid. Auch heute ist er dafür mit der Kamera unterwegs.

In der Satellitenlaufbahn

Für Artak ist die armenische Geschichte ein zentrales Argument, um für dauerhaft in Karabach oder Armenien zu bleiben. Auch wenn seine Familie im Libanon wohnt und nur seine Mutter in Armenien geboren wurde, ist die Region für ihn die historische Heimat: Ausländer könnten oft nicht verstehen, was es bedeute, diese Geschichte zu haben – die Geschichte des Genozids.

Gefördert wird er nun von der NGO „Birthright Armenia“, die es sich zur Aufgabe macht, die Bindung zwischen der Diaspora und ihrem Heimatland zu stärken. Im besten Fall, so steht es auf der Website, ermutige das Programm zu einem längeren Aufenthalt in Armenien oder Berg-Karabach. Zu den Bedingungen für finanzielle Förderung heißt es weiter: „You must be of Armenian heritage (at least one grandparent must be fully Armenian).“ Die Seite der Organisation bietet außerdem einen Liveticker darüber, wie viele Freiwillige aktuell entsandt sind – 46, wie viele insgesamt am Programm teilgenommen haben – über 900 – und wie viele sich wieder in Armenien oder Karabach ansiedelten – 70. Artak ist damit einer der wenigen, die sich in umgekehrter Richtung bewegen. Seit Beginn der 90er Jahre haben 700.000 Menschen Armenien verlassen. In Armenien leben aktuell rund drei Millionen Menschen, in Berg-Karabach rund 140.000.

„Ich fühle mich hier einfach zuhause“, sagt Artak dazu und lächelt, was sonst nicht oft passiert. Gleichzeitig scheint sein Umgang mit den anderen unbeholfen. Er wirkt wie ein Satellit, der um die Szenerie kreist, anstatt ein Teil von ihr zu sein. Als sich aus der hügeligen Landschaft plötzlich Ruinen erheben, gehen auch die Gespräche um die Geschichte der Stadt an Artak vorbei: Vor dem Krieg lebten in der Stadt über 90.000 Menschen – vor allem Aserbaidschaner. Nach deren Flucht verwandelte sich Aghdam in eine Geisterstadt. Heute sind die Ruinen Sperrgebiet, es soll dort noch verminte Zonen geben. Nur ein paar Abgebrühte haben dort ihre Gemüsegärten angelegt. Die Studenten, viele von ihnen wollen Landwirte werden, fachsimpeln, was sie anbauen würden. Nachdem das Gespräch auf die aserbaidschanischen Flüchtlinge kommt, sagt Artak bloß: „Die können die Zahlen doch übertreiben wie sie wollen.“

In Aserbaidschan, aber auch in Armenien und Berg-Karabach übertreiben viele Medien immer wieder die eigenen Opferzahlen. Gleichzeitig wird das Vorgehen der eigenen Seite im Krieg oft beschönigt oder Kriegsverbrechen ganz bestritten: So behauptet die Propaganda zu den beiden bekanntesten Massakern des Konfliktes in Sumgait und Chodschali, Armenier beziehungsweise Aserbaidschaner hätten ihre Landsleute jeweils selbst ermordet, um die Massaker dann der anderen Seite anhängen zu können.

Das Immer-wieder

Als der Bus nach einer halben Stunde sein Ziel erreicht, stehen schon rund 80 Menschen neben der geschotterten Straße. Die vielen Kinder unter ihnen haben ihre Schuluniform, Kleider oder weiße Hemden angezogen und Blumen mitgebracht. Die meisten größeren tragen Plakate mit dem Spruch „Remember and Demand“ oder dem Vergiss-Mein-Nicht darauf: Die Blume ist zum Symbol des 100. Gedenktages an den Genozid geworden. Es heißt, das Vergiss-Mein-Nicht sei die erste Blume gewesen, die nach den Deportationen in den armenischen Gebieten des Osmanischen Reiches wuchs.

Nachdem die letzten Busse eingetroffen sind, setzt sich die Prozession in Bewegung. Keine 50 Meter läuft der Zug, dann legen die Trauernden ihre Blumen am Gedenkstein nieder. Dabei ist auch Jenya Arepetian: Die 74-Jährige gehört zu den Überlebenden des Überfalls. Als 1992 aserbaidschanische Kämpfer in das Dorf einrückten, floh sie, lief zu Fuß die 25 Kilometer bis auf die sichere Seite. Ihre Eltern und ihr Mann überlebten den Angriff nicht.

Arepetian wurde in Maragha geboren, fast die Hälfte ihres Lebens verbrachte sie jedoch in Aserbaidschan. Nach der Hochzeit ging sie mit ihrem Mann nach Baku. 30 Jahre arbeitete sie dort als Köchin in einer Kita, auch ihre drei Söhne kamen dort zur Welt. „Wir hatten ein ganz normales Leben. Es gab keine Feindschaften, wir hatten viele aserbaidschanische Freunde.“ Armenien und Aserbaidschan gehörten damals noch zum selben Staat, als Teilrepubliken der Sowjetunion. In den 80er Jahren lebten fast 400.000 Armenier im heutigen Aserbaidschan. Während des Krieges mussten über eine Million Menschen auf die jeweils andere Seite fliehen, 390.000 Armenier und 750.000 Aserbaidschaner wurden vertrieben.

Jenya Arepetian dagegen verließ Baku schon 1988.Nach dem Massaker in Sumgait fühlte sie sich nicht mehr sicher: Im Februar 1988 tötete ein aserbaidschanischer Mob mindestens 26 Armenier in Sumgait, einer Vorstadt Bakus. Die Situation schaukelte sich in beiden Republiken hoch, der Hass nahm zu. Arepetian ging zurück nach Maragha. Viele Armenier bezeichnen Sumgait heute als einen erneuten Völkermord. Auch Arepetian sagt dazu: „Die Türken haben uns immer wieder überfallen. 1915, 1988 und 1992.“ Ihr Blick wird hart dabei, ihre Stimme bitter. Vier Jahre nachdem sie Baku verließ, holte die Gewalt sie ein. Diesmal ging sie, ohne die Koffer zu packen. „Nach der Flucht aus Maragha hatte ich praktisch nichts mehr.“

„Wir gegen sie“

In Baku lebte sie noch in einer eigenen Wohnung mit Heizung, nach der Flucht war sie froh ein ausrangiertes Bett von den Nachbarn zu bekommen. Der Neuanfang war schwer, niemand gab Geld. Arepetian lebt seitdem von ihrer kleinen Rente und der Unterstützung ihres Sohnes, der längst für einen besseren Job nach Moskau gegangen ist. Geheiratet hat sie nicht mehr: „Ich hatte doch meine Kinder“, sagt sie – ihre Kinder und die Hoffnung auf ein sicheres Zuhause: „Berg-Karabach gehört uns“, ihr zweiter Sohn arbeitet für die Armee, um dieses Zuhause zu verteidigen. Es scheint, als sei von den 30 Jahren in Baku nichts geblieben, als seien alle Freundschaften vergessen. Heute hat Arepetian keinen einzigen Kontakt mehr nach Baku. „Worüber sollten wir sprechen? Sie haben meine Eltern und meinen Mann getötet. Für mich sind das Mörder.“ Die Trauer lässt keinen Platz für Abstufungen.

Und doch ist wenige Minuten danach die Bitterkeit verflogen. Während auf dem Podium Gedenkreden gehalten werden, während Artak ein Foto nach dem anderen schießt, plaudert Arepetian mit jungen Freiwilligen aus Argentinien, verteilt Küsschen und Einladungen zum Mittagessen. Arepetian, die im Dorf Tante Jenya genannt wird, ist ein Publikumsmagnet, der seine Herzlichkeit auch an Unbekannte verteilt. Der unterschiedslose Hass auf „die Türken“ wirkt dabei fast wie ein Moment der Schizophrenie.

Der Krieg hat nicht nur Arepetian gespalten, als gäbe es nur noch „wir gegen sie“, „Türken gegen Armenier“. Nor Maragha ist ein Paradestück für das, was manche Kaukasus-Experten hinter vorgehaltener Hand das „Türkentrauma“ nennen: Für den Völkermord von 1915 werden Aserbaidschaner als „Türken“ oft gleichermaßen verantwortlich gemacht. Dass viele aserbaidschanische Flüchtlinge dasselbe Schicksal erlitten, wie die Menschen hier, sagt wenigstens heute niemand.

Stattdessen beschwören die „Defender of Motherland“ von der Bühne die Sicherheit Karabachs: „Wir sind bereit, wir sind hier um euch zu verteidigen“, ruft ein etwa 19-Jähriger von der Bühne. Er selbst bezeichnet seine Organisation als „eine Art Pfadfindergruppe“. Tatsächlich veranstaltet die Organisation Jugendcamps – allerdings militärisch-patriotische, auf der Uniform ihrer Mitglieder prangen Maschinengewehre.

Als die Studentengruppe sich auf den Rückweg macht, ist die Stimmung noch immer merkwürdig ungetrübt. Für unterwegs ist ein Stopp in Shah Bulart eingeplant, einer Festung aus dem 18. Jahrhundert. Hinter seiner polierten Sandsteinfassaden befindet sich ein erst vor kurzem eingerichtetes Museum, das alte Ausgrabungsstücke der historischen Stadt Tigranakert präsentiert, deren Ruinen unweit der Festung ausgegraben werden. Kurz danach passiert der Bus erneut die Ruinen von Aghdam. Hier steigt niemand mehr aus, keiner macht keine Fotos mehr.

 

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Nor Maragha

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Nor Maragha 40.099614, 46.880032