Miteinander reden statt übereinander

Tatev bei einer Konferenz. Foto: privat. All rights reserved.

Tatev bei einer Konferenz. Foto: privat. All rights reserved.

21 Jahre ist es her, dass der Krieg um Berg-Karabach formal mit einem Waffenstillstandsabkommen beendet wurde. Was denkt die junge Generation heute über den Konflikt? Viele von ihnen wachsen wahlweise in Armenien/Aserbaidschan auf, ohne je Menschen der „anderen Seite“ zu treffen. Einige jedoch versuchen trotz organisatorischer Hürden, miteinander in Kontakt zu treten. Wir haben Bakhtiyar in Baku und Tatev in Yerevan getroffen, und mit ihnen über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Das folgende Interview ist eine Zusammensetzung beider Gespräche.

Was war Eure Motivation, euch für den Friedensaufbau und die Konflikttransformation zu engagieren?

Bakhtiyar: Meine Hauptmotivation ist, dass ich den Krieg gesehen habe; dass ich in dem Konflikt gelebt habe. Ich bin Binnenflüchtling aus Füzili, eine der sieben Regionen neben Karabach, die Armenien besetzt hat. 1993 – ein paar Wochen vor der Besetzung Füzilis durch Armenien – musste ich im Alter von sechs Jahren mit meiner Familie aus meiner Heimat fliehen. Der Krieg war eine Katastrophe für mich und ich möchte nicht, dass die nächste Generation dasselbe wie ich und andere erleben muss.

Wie sehen solche Treffen aus?

Tatev: Die Seminare können weder in Armenien noch in Aserbaidschan stattfinden, da die Grenzen dicht sind. Daher finden die Treffen üblicherweise in Georgien statt. Am ersten Tag wird über unsere Geschichtsversionen gesprochen. Am zweiten Tag haben wir über persönliche Erfahrungen und Familiengeschichten geredet. Ein paar Wochen später gibt es ein zweites Treffen, wo wir über die Zukunft sprechen. Allerdings versuchen wir nicht, den Konflikt zu lösen, sondern überlegen und planen gemeinsame Projekte in der Zukunft.

Wie habt ihr persönlich Euer erstes Aufeinandertreffen mit Armenier*innen/Aserbaidschaner*innen erlebt?

Tatev: Obwohl ich offen war, Aserbaidschaner zu treffen, habe ich nach dem ersten Tag über Geschichte gedacht, „Jetzt hasse ich euch noch mehr.“ Nach dem zweiten Tag lagen wir uns alle weinend in den Armen. Die persönlichen Geschichten aller Beteiligten haben mir geholfen zu verstehen, dass der Konflikt um Berg-Karabach auf beiden Seiten dasselbe Elend hervorgerufen hat. Das Wiedersehen konnte ich dann kaum erwarten, wir haben euphorisiert geplant, was wir in der Zukunft zusammen machen können. Wir sind heute Freunde geworden.

Bakhtiyar: Ich habe 2007 das erste Mal Aserbaidschaner in Istanbul auf einem Seminar getroffen. Ich habe Angehörige im Krieg verloren, deshalb fiel es mir sehr schwer, einfach so „Hi!“ zu sagen. Es hat einige Treffen gedauert, bis ich realisiert habe, dass ich etwas ändern muss. Mir ist bewusst geworden, dass die Situation sehr anders ist, als sie uns immer erzählt wurde. Der erste Schritt war für mich, meine Emotionen zu töten. Vielleicht ist das das Trauma, aber ich habe gemerkt, dass emotional zu sein – ob positiv oder negativ – mir nicht gut tut. So habe ich gelernt, konstruktiv mit Armeniern zusammen zu arbeiten.

Bakhtiyar, du bist mittlerweile schon als Organisator solcher Treffen aktiv. Wie erlebst du heute die Treffen von armenischen und aserbaidschanischen Jugendlichen?

Weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie der Prozess abläuft und dass er Zeit braucht, kann ich mich entspannt zurücklehnen und die Situation beobachten. Ich verurteile auch radikale Jugendliche nicht. Ich habe viele Menschen erlebt, die ihre „Feinde“ beim ersten Mal nicht treffen wollten. Das ist traurig, aber es ist der Prozess. Am Ende liegen sie sich weinend in den Armen in der Hoffnung, dich wieder sehen zu können. Der letzte Tag ist der beste Teil für mich.

Gibt es viele von Euch? Ist es problematisch, Teilnehmer*innen für solche Veranstaltungen zu finden?

Bakhtiyar: Friedensbildung und Konflikttransformation sind leider keine sonderlich beliebten Bereiche in Aserbaidschan, gerade weil die Regierung so aktiv an dem Feindbild arbeitet. Aber ich verurteile die Menschen nicht dafür, den Informationen der Regierung mehr Glauben zu schenken, da in Aserbaidschan nahezu jede Person von dem Konflikt direkt betroffen ist.

Tatev: Leider ist die Situation in Armenien nicht anders. Wir sind ein Kreis von Menschen aus Aserbaidschan, Armenien und Karabach, die in regem Austausch miteinander stehen. Der Kreis ist leider nur sehr klein und durchlässig.

Wie haben Eure Freund*innen und Familie reagiert, als ihr von Euren Treffen erzählt habt?

Bakhtiyar: Mit meinen Eltern rede ich ehrlich gesagt nicht so viel darüber. Selbst wenn ich ins Ausland fahre, um Armenier zu treffen, fragen sie nicht nach. Sie wissen zwar, was ich mache, aber sie kommentieren das nicht.

Habt ihr durch eure Arbeit Probleme mit offiziellen Stellen/Behörden?

Tatev: In Armenien wird diese Art von Engagement weder gefördert noch behindert. Aber viele meiner aserbaidschanischen Freunde haben mich in den letzten Monaten auf Facebook gelöscht. Sie haben Angst, weil viele ihrer Freunde schon im Gefängnis sitzen.

Bakhtiyar: Ja, das tun viele, aber ich halte das für Selbstzensur. Natürlich ist es schon vorgekommen, dass Regierungsvertreter mich befragt haben. Aber solange sie meine Arbeit dadurch nicht behindern, ist das normal für mich. Problematisch ist allerdings, dass die Regierung die Konten von fast allen NGOs in Aserbaidschan eingefroren hat. Auch die „Gesellschaft für humanitäre Forschung“, für die ich arbeite, ist davon betroffen.

Warum arbeitet ihr trotz Hürden im Bereich des Friedensaufbaus? Was erhofft ihr euch von den Treffen?

Bakhtiyar: Ich denke nicht, dass wir mit unserer Arbeit den Konflikt lösen können. Aber wir müssen lernen, miteinander zu kommunizieren, ansonsten wird eine friedliche Lösung nicht funktionieren. Ich hoffe, eine Grundlage dafür legen zu können, dass der Konflikt eines Tages gelöst werden kann.

Das Interview führte Lisa Westphal.

Dieser Beitrag erschien zuerst in leicht veränderter Form auf boell.de