Das Projekt

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Interview mit Dr. phil. Uwe Halbach: 52.498079, 13.321664
Interview mit Nino Lejava: 41.672912, 44.780273
Junge Friedensaktivist*innen: 40.388397, 49.866943
Junge Friedensaktivist*innen: 40.162083, 44.516602
Befreiung vs. Besetzung – Der Krieg um Bergkarabach aus persönlicher Perspektive: 40.409262, 49.867092
Befreiung vs. Besetzung – Der Krieg um Bergkarabach aus persönlicher Perspektive: 39.817805, 46.749851
Ağdam – Narben eines fernen Konfliktes: 39.993185, 46.994956
Aus Zinn und Plastik: 39.820139, 46.771932
Renaissance im Niemandsland? Zum Wahlkampf in Berg-Karabach: 39.829805, 46.759851
Leben an der Grenze: 40.031821, 46.878662
Masis Mailyan – Vom unbekannten Minister zum renommierten Politikexperten : 39.829805, 46.779851
Back to the Roots? Junge Menschen aus der armenischen Diaspora auf den Spuren ihrer Vorfahren: 39.759266, 46.749487
Interview mit Narine Aghabalyan : 39.766276, 46.749701
Zwei Generationen im Konflikt: 40.380290, 49.827461
Interview mit Heiko Langner: 52.519453, 13.394426
Interview mit Sascha Roth: 51.493675, 11.975269
Interview mit Ali Abasov: 40.371201, 49.847889

Die hier veröffentlichten Artikel entstanden im Rahmen einer Projektarbeit der Freien Universität Berlin. Im Oktober 2014 beschlossen wir – sechs Studierende des Masters Osteuropastudien – uns mit dem Konflikt um die Region Berg-Karabach (auf Englisch: Nagorno-Karabakh) auseinander zu setzen. Unser Ziel war es, der deutschen Öffentlichkeit, in der man kaum Informationen zum Thema findet, auf einer eigenen Website möglichst vielschichtige Einblicke zu verschaffen. Unsere Recherchen wurden von zwei zentralen Fragen geleitet: Warum besteht der Konflikt noch immer und wie leben die Menschen an beiden Seiten der Waffenstillstandslinie damit? 

Nach Monaten der Vorbereitung fuhren wir im März und April 2015 nach Georgien, Aserbaidschan, Armenien und Berg-Karabach. Vor Ort führten wir Interviews mit Politikwissenschaftler*innen, Flüchtlingen, Soldatenmüttern, Freiwilligen, Politiker*innen, Jugendlichen, Aktivist*innen und Taxifahrern. Die hier veröffentlichten Artikel geben ihre Meinungen und unsere Eindrücke wieder. Sie sollen einen breiten Überblick bieten – und können doch nur Ausschnitte dieses verfahrenen Konfliktes darstellen.

Bei Fragen sind wir – Elena Ammel,  Anne Ludwig, David Ruge, Paul Toetzke, Lina Verschwele und Lisa Westphal –  über das Kontaktformular auf dieser Website oder per E-Mail erreichbar: blog.berg-karabach@gmx.de

UNSERE REISE – Tägliche Notizen

Sonntag, 29. März
Ankunft in Tbilisi: Nach ungefähr 13 Stunden Flug, inklusive 8 Stunden Aufenthalt in Istanbul, kommen wir erschöpft in Tbilisi an. Der Hostelbesitzer holt uns vom Flughafen ab. Nach dem Abendbrot fallen wir ins Bett.

Montag, 30. März
Früh morgens fahren wir zur aserbaidschanischen Botschaft, um einen letzten Versuch zu unternehmen, doch ein Visum für Recherchen in Aserbaidschan zu bekommen. Und siehe da, anders als in Deutschland scheint es hier in Georgien viel schneller als gedacht zu klappen: Nach nur vier Stunden in der Botschaft gehen wir mit dem Versprechen raus, in drei Tagen das Visum zu erhalten. Im Anschluss erkunden wir die Stadt und gehen in ein georgisches Restaurant Essen. Ein Lokal, in dem wir, neben der Kellnerin, die einzigen Frauen sind. Von den gastfreundlichen und ausgelassenen Georgiern werden wir immer wieder zu Schnaps eingeladen. An diesem Abend nehmen wir gern an, schließlich gilt es, Pauls Geburtstag zu feiern!

Dienstag, 31. März
Am nächsten Morgen machen wir uns auf den Weg zu einem aserbaidschanischen Teehaus. Dort angekommen, bekommen wir unseren Tee von einer jungen Armenierin – der Besitzer des Teehauses allerdings ist Aserbaidschaner. Hier arbeitet man friedlich zusammen, trinkt Tee und spielt Backgammon – Politik scheint unwichtig. In Georgien, dem Land, das im Berg-Karabach-Konflikt den Boden für eine neutrale Gesprächsebene bietet, ist so etwas möglich. Abends treffen wir Lenny, unseren Hostelbesitzer und seine Freundin in einer hippen Kneipe, die auch in Berlin-Neukölln betrieben werden könnte. 

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Gespräch im Teehaus. Foto: ©Paul Toetzke

Mittwoch, 1. April
Am Mittwoch treffen wir uns mit Nino Lejava, der Leiterin des Regionalbüros Südlicher Kaukasus der Heinrich Böll Stiftung. Das daraus entstandene Interview ist hier nachzulesen. Außerdem fahren wir zum Bahnhof, um uns über die Tickets nach Baku zu informieren. 

Donnerstag, 2. April
In der Hoffnung, zu guter Letzt tatsächlich noch ein Visum für Aserbaidschan ausgehändigt zu bekommen, gehen Lina und Lisa morgens erneut zur aserbaidschanischen Botschaft: Lisas Visum ist angekommen, Linas hängt allerdings noch in der Bearbeitungsschleife und wird erst gegen 16 Uhr abzuholen sein. Da der Nachtzug nach Baku bereits um 16.30 Uhr abfährt, wird die Abreise nochmals um einen Tag verschoben.

Nachmittags werden wir alle von georgischen Studierenden durch Tbilisi geführt. Sie zeigen uns neben vielen Kirchen auch die Moschee der Stadt. Der Mullah erzählt, dass sie weltweit die einzige sei, in der Schiiten und Sunniten zusammen beten. Auf Nachfragen stellt sich heraus, dass es für diese Praktik (auch) ganz pragmatischen Gründe gibt – in ganz Tbilisi existiert nur diese eine Moschee. Abends zieht es uns erneut in ein typisch georgische Kellerrestaurant. Diesmal laden uns unsere Tischnachbarn auf selbstgemachten Wein, mitgebracht in großen Plastikkannistern, ein. Eine halbe Stunde später werden die Tische zusammengeschoben und man macht sich mit Hilfe von Englisch oder Russisch, vor allem aber mit viel Zeichensprache, bekannt. Wir sind überwältigt von der Offenheit und Gastfreundschaft, die uns hier entgegengebracht wird. 

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Die Moschee in Tbilisi. Foto: ©Paul Toetzke

Freitag, 3. April
16 Uhr: Abfahrt nach Baku. Mit maximal 50 km/h fährt unser Zug der aserbaidschanischen Hauptstadt entgegen. Während Dörfer und Hügel vorbeiziehen, machen wir (Lina und Lisa) Bekanntschaft mit den Leuten im Nachbarabteil. Die drei haben in Deutschland Zahnmedizin studiert und schenken uns als „inoffizielle Stellvertreter“ eine Packung „Patronen“. Gut für später, als sich der Schlafwagen auf 35 Grad aufheizt: Unser Proviant ist längst geschmolzen, die Sonnenblumenkerne aber noch immer formschön.

Währenddessen in Tekali
Wir, das sind jetzt nur noch Elena und Paul, machen uns an diesem sonnigen Morgen auf in ein keines Dorf namens Tekali, unweit der Grenze zu Aserbaidschan. Hier, in diesem unscheinbaren, von Aserbaidschaner*innen bewohnten Dorf, findet seit einigen Jahren ein Friedensprojekt zwischen Armeniern*innen und Aserbaidschanern*innen statt – im kleinen Rahmen, aber mit einer großen Reichweite. Obwohl die beiden Leiter des Projekts, mit denen wir bereits von Deutschland aus gesprochen hatten,  zu dieser Zeit nicht in Tekali sind, wollen wir zumindest den Ort sehen. Nach einer aufregenden Taxi-Irrfahrt in das Grenzdorf, werden wir von Mushvig, dem “Bürgermeister” des Dorfes, freundlich empfangen und sofort zu Tee und Keksen eingeladen. Die mitgebrachten Ostereier sorgen zunächst für Verwirrung, werden dann aber, nach kurzer Einführung in die deutsche Ostertradition, mit Begeisterung verschlungen. In Mushvigs Haus befindet sich momentan das Büro des Tekali-Projekts – ein eigenes Gebäude hat die NGO Caucasus Center of Peace Making Initiatives in Tekali nicht.

Mushvig will uns nicht nur das Dorf zeigen, sondern auch einen ganz besonderen Ort – “damit ihr versteht, warum das Tekali-Projekt gerade hier stattfindet.” Von seinem Neffen werden wir  im Jeep durch die Berge gefahren, bis an den Punkt, wo sich die Grenzen Armeniens, Aserbaidschans und Georgiens treffen – das südkaukasische Dreiländereck. Die Aussicht ist atemberaubend.

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Mushvigs Haus. Foto: ©Paul Toetzke

Am Nachmittag führt uns Mushvig durch das Dorf und lädt uns dann ins einzige Restaurant in der Gegend zu einem ausladenden Essen ein. Er erzählt uns viel über die Geschichte Tekalis, aber auch über den Tekali Process und dessen Perzeption durch die Dorfbewohner*innen und Teilnehmenden. Am Ende müssen wir zulassen, dass uns sein bis dahin etwas grimmig dreinschauender Neffe bester Laune bis nach Tbilisi zurückfährt. Vollen Dankes und sichtlich erschöpft von dem Ausflug in ein Dorf, das nur eine Autostunde von der georgischen Hauptstadt entfernt liegt, in dem der Berg-Karabach-Konflikt das Leben der Bewohner*innen aber bereits um Welten mehr zu prägen scheint, kehren wir abends zu unserem Hostel zurück.

Mushvig und sein Neffe. Foto: ©Paul Toetzke

Samstag, 4. April
9 Uhr: Ankunft in Baku. Die ersten Eindrücke von Aserbaidschan erfüllen das Klischee: Zur Linken eine Reihe ausrangierter Panzer, zur Rechten Fördertürme, dazwischen Prärie und Baustellen. Nach langer Fahrt durch die Vorstadt erheben sich vor uns die majestätischen Hochhäuser des Zentrums – wir sind da. Beim Aussteigen begrüßt uns eine Traube von Taxifahrern und ein überlebensgroßes Plakat von Heydar Aliyev, dem omnipräsenten ehemaligen Präsidenten des Landes. Was da drunter steht, fragen wir. „Er wohnt in unseren Herzen“ sagt einer und lacht bitter. „Weil wir jetzt reich sind wegen der Öls. Na, ich seh davon jedenfalls nichts.“

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Allee der Märtyerer, Baku. Foto: ©Lina Verschwele

14 Uhr im Hostel: Nachdem wir unsere Gast-Pantoffeln anprobiert und den Begrüßungstee ausgetrunken haben, geht es weiter zum ersten Termin. Fast fühlen wir uns wie Agenten, weil hier niemand wissen soll, dass wir nach Karabach weiter reisen. Dazu braucht es die Genehmigung der Regierung, auch hätten wir uns als Journalisten melden müssen. Obwohl wir Behörden im Allgemeinen ja lieben, haben wir doch auf beides verzichtet. Nun warten wir an der Station „İçəri Şəhər“ auf unseren Kontakt, den wir nicht mal von Fotos kennen. Schließlich fragt ein hochgewachsener Herr, ob wir Lisa und Lina sind. Mehr über Ali Abasov in diesem Porträt.

Währenddessen in Tbilisi
Wir entschließen uns, einen Schreibtag einzulegen. Der letzte Tag in Tekali war so ereignisreich, dass wir erst einmal Zeit brauchen, die Informationen zu verarbeiten und niederzuschreiben. Außerdem wollen wir uns um eine Unterkunft in Jerewan kümmern und die nächsten anstehende Interviews weiter vorbereiten. Nachdem wir alles erledigt haben, treffen wir nochmals die drei georgischen Geschichtsstudenten, von denen einer, Giorgi, perfekt Deutsch spricht. Alle betonen, dass der Berg-Karbach-Konflikt auf ihr Alltagsleben kaum einen Einfluss hat. Unterstrichen wird vielmehr die Konkurrenz Georgiens – kulturell, historisch, wissenschaftlich –  zu Armenien! In Berg-Karabach war noch niemand von ihnen.

Sonntag, 5. April
Wir wollen bloß die Altstadt erkunden, als uns jemand auf Deutsch anspricht. Ivan (Name geändert) wohnt eigentlich in Berlin. Jetzt absolviert er offiziell seinen Militärdienst. Tatsächlich hat er sich freigekauft. Bis der „Dienst“ vorbei ist, muss er in Baku bleiben und verbringt die Zeit im Teppichladen eines Freundes. Teppichhändler Bakhtiar ist 1992 aus Shusha in Karabach geflüchtet. Hier seine Geschichte im Porträt. Später am Tag treffen wir einen weiteren Bakthiar. Auch er ist aus Karabach geflohen, auch er würde sofort seine Sachen packen, wenn er zurück könnte. Und doch hören hier die Gemeinsamkeiten auf: Während der erste für seine Heimat auch in den Krieg zöge, engagiert sich der zweite im Friedensprozess. Wie es dazu kam erzählt er im Interview.

Währenddessen im Grenzgebiet
Vom Busbahnhof in Tbilisi, nehmen wir früh morgens die Marschrutka nach Sadakhlo, einem Dorf am Grenzübergang zu Armenien. Nach 3 Umstiegen überqueren wir problemlos die  Grenze (ein Visum ist weder für Georgien, noch für Armenien notwendig) und warten auf Giorgi, einen der Leiter des Tekali-Projekts, der uns in “sein Dorf” in Armenien u.a. zum Interview eingeladen hat. Nach einer ausgedehnten Verschnaufpause am von der EU-finanzierten und gerade erst fertigstellten Grenzübergang holt uns Giorgi mit seinem Freund Karen in einem schnittigen Lada ab. Dann geht es durch eine wunderschöne Landschaft und kurvige Berganstiege, immer entlang der Grenze zu Aserbaidschan, in ein kleines Dorf mit dem Namen Nerkin Tsaghkavan. Hier hat sich Giorgi vor Kurzem niedergelassen hat, um mit den (potentiellen) Teilnehmer*innen des Tekali-Projekts zusammen zu leben.

Für einen Moment stockt uns noch das Herz, als Karen in ruhigem Ton erzählt: „Da drüben sind die Bunker der aserbaidschanischen Armee. Wenn wir ganz langsam fahren, würden sie auf uns schießen.“ Doch zum Glück zieht uns der Lada relativ flott den Berg hinauf und wir kommen sicher im Dorf an. Nach einem kurzen Rundgang werden wir von der Dorfjugend zu gegrilltem Fisch eingeladen – frisch aus dem Sevan See. Zur Verdauung wird Paul zum Fußballspielen aufgefordert. Das Interview hingegen wird auf Initiative Giorgis spontan auf den nächsten Tag verschoben. Nicht ganz unglücklich darüber, fallen wir in unsere Betten.

Ausblick von Nerkin Tsaghkavan. Foto: ©Paul Toetzke

Montag, 6. April
Unser letzter Tag in Baku. Wir interviewen Zardusht Alizadeh, einen bekannten Parteigründer und Regierungskritiker. Danach bricht Panik aus: Der Schalter für Bustickets nach Tbilisi ist unauffindbar. Zum Glück hilft uns ein älterer Herr. Der Weg ist schließlich ganz einfach – nur hinein ins Shoppingcenter, zwei Treppen runter, links, 200 Meter geradeaus, noch mal rechts und wieder eine Treppe herunter. Zum Dank laden wir unseren Helfer auf einen Imbiss ein. Fast beiläufig zieht er später ein rotes Büchlein aus der Tasche. Sein Veteranenpass. „Wenn ich den zeige, ist mir die Anerkennung sicher. Dafür sehe ich aber mit 53 auch schon so aus.“, sagt er und zeigt auf seine grauen Haare. 

Baku. Foto: ©Lina Verschwele

Währenddessen: Fahrt nach Jerewan
An diesem Morgen werden Elena und Paul nicht wie sonst vom Handy-Klingelton, sondern vom Krähen eines armenischen Berg-Hahnes geweckt – eine wirksame Alternative! Giorgi fährt uns nach Dilijan, wo wir bei einem starken Kaffee unser Interview über sein Engagement im Tekali-Projekt und seine Einschätzungen bzgl. der Entwicklung des Konflikts führen können. Nachdem Giorgi die gefühlte zwanzigste Zigarette an diesem Morgen fertigraucht hat und wir das Interview beendet haben, steigen wir in die Marschrutka und schlummern der armenischen Hauptstadt Jerewan entgegen. Vorbei am Sevan See wackeln unsere Köpfe unter dem Klappern der Schlaglöcher von links nach rechts. In Jerewan wohnen wir bei Artak, einem ukrainischen Linguistik-Studenten, den wir beim Couchsurfing gefunden haben. In Berg-Karabach war er bisher nur einmal mit armenischen Freunden – “für einen Stempel im Pass und, ehrlich gesagt, um zu feiern und zu trinken…”

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Giorgi bei seiner Lieblingsbeschäftigung. Foto: ©Paul Toetzke

Dienstag, 7. April
In Jerewan treffen wir heute Luiza, den zweiten „Kopf“ des Tekali-Projektes. Sie erklärt uns ihre Ideologie und macht uns Mut, uns auch nach Fertigstellung des Blogs zu engagieren. Am Abend treffen wir uns mit Syune, einer Journalistin aus Jerewan, die bei der armenischen Presseagentur arbeitet. Sie hat viel zu tun im Moment – die Feierlichkeiten für den 100. Jahrestag des armenischen Genozids stehen an und in der Redaktion möchte man von ihr wissen, wie die ausländische Presse auf das Thema eingeht. Trotzdem gibt sie uns einige wichtige Tipps und letzte Kontakte für den Aufenthalt in Berg-Karabach. Kurz danach kommen Lina und Lisa auch in Jerewan an und wir sind wieder vollzählig. Nach dem gemeinsamen Abendessen gibt es eine Lage-Besprechung und Planung der nächsten Tage im Jerewaner Hauptquartier, sprich Artak’s Wohnzimmer, das immer mehr einem Zeltlager ähnelt.

Im Interview mit Luiza. Foto: ©Paul Toetzke

Mittwoch, 8. April
Der letzte Tag in Armenien, bevor es nach Berg-Karabach geht. Es stehen weitere Interviews an. Am Morgen treffen Lina und Elena sich mit Gegham Baghadasaryan, einem bekannten Journalisten und ehemaligem Abgeordneten des de-facto-Parlaments in Berg-Karabach. Abends führt Lisa ein Interview mit dem Karabach-Armenier und Politikwissenschaftler Armen Grigoryan und Elena trifft sich mit Vahram Soghomonyan, Politikwissenschaftllicher und Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Jerewan. Währenddessen macht sich Paul auf zu einigen Mitgliedern der Federation of Youth Clubs of Armenia, die ein paar Fragen zu unserem Projekt haben und uns weitere Kontakte in Stepanakert vermitteln. Lina kümmert sich um die letzten Reisevorbereitungen für den nächsten Tag. Am Abend lernen wir Tatev und Rima kennen, zwei Studentinnen, die sich beide gut mit dem Konflikt auskennen und an Projekten teilgenommen haben, die sich die bessere Verständigung zwischen Aserbaidschan und Armenien auf zivilgesellschaftlicher Ebene zum Ziel setzen. Tatev schreibt darüber hinaus gerade an ihrer Doktorarbeit über Berg-Karabach.

Donnerstag, 9. April
8 Uhr: Mit dem Taxi geht es zum Busbahnhof. Dort wird unser Gepäck auf das Dach einer Marschrutka geschnallt und gewartet, bis der Kleinbus voll ist. Vor uns sitzt ein junger Soldat in Uniform. Sein Vater hat ihn zum Bus gebracht, über Zeichensprache kommunizieren sie durch das geschlossene Fenster. Der Vater deutet dem Sohn, seine Stirn ans Fenster zu legen und gibt ihm einen Kuss. Es fühlt sich an, als würde er seinen Sohn in den Krieg verabschieden. Der Weg nach Karabach ist mühsam, schlechte Straßen, viele Kurven durch die Berge, zwischendurch müssen wir anhalten, damit Leute sich übergeben können. Der Busfahrer scheint unbeeindruckt. An der Grenze müssen wir vier als einzige aussteigen und unsere Pässe zeigen. In Stepanakert geht es, auf Anweisung der Grenzbeamten, als erstes zum de-facto Außenministerium. Nach einer halben Stunde erhalten wir dort unser Visum – auf einem Extra-Blatt, das auf der Rückseite eine Klebefolie hat. Unsere Entscheidung, ob wir es in den Reisepass kleben (und damit sichergehen können, die Einreise nach Aserbaidschan in Zukunft verweigert zu bekommen) oder nicht. Abends treffen wir Susanna, stadtbekannte Allround-Organisatorin, im Arzakh Youth Development Centre. Sie bietet uns an, vor Ort zur Seite zu stehen (wir zögern). An diesem Abend nehmen wir Susannas Hilfe aber gerne an – sie organisiert uns eine Ferienwohnung. Hostels gibt es in Berg-Karabach nicht.

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Stop am nicht anerkannten Grenzübergang zwischen Armenien (linke Flagge) und Berg-Karabach (rechte Flagge). Foto: ©Paul Toetzke

Freitag, 10. April
Morgens fahren wir mit einer Gruppe lokaler Studierender nach Nor Maragha zu einer Gedenkfeier an ein Massaker, das während des Karabach-Krieges stattgefunden hat. Von unseren Eindrücken an diesem Tag und Gesprächen mit Überlebenden könnt ihr in folgender Reportage lesen. Hier treffen wir auch Alana, die uns anbietet, ab Sonntag bei ihr in Schuscha zu übernachten. Sie ist eine armenische Freiwillige der Organisation Birthright Armenia aus den USA. Einen Ausflug bzw. Termine in Schuscha, der „kulturellen Hauptstadt“ Karabachs, haben wir für die nächsten Tage bereits geplant und so nehmen wir das Angebot gern an.

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Schuscha. Foto: ©Paul Toetzke

Samstag, 11. April
Am Vormittag besuchen Elena und Lisa den Press Club, einen unabhängigen Journalistenverband. Über das Gespräch mit Masis Mayilyan, Politiker und Redakteur, erfahrt ihr hier mehr. Paul und Lina sprechen mit dem Parlamentspräsidenten von Berg-Karabach. Danach essen wir zusammen unser erstes „Yingyalov Hac“ – ein Kräuterbrot mit je nach Angaben 20 – 50 verschiedenen Kräutern, das Nationalgericht aus Karabach. Im Anschluss besuchen wir die neue Oppositionspartei „National Renaissance Party“ bei einer Wahlkampfbesprechung.

Abends feiern wir in Linas Geburtstag rein, Kneipen gibt es nicht, deswegen bleiben wir zu Hause. Auch der einzige Club des Landes hat schon zu, als wir um halb 1 dorthin gehen.

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Der Markt in Berg-Karabach. Foto: ©Paul Toetzke

Sonntag, 12. April
Der zweite Teil unserer Zeit in Berg-Karabach beginnt mit einer Marschrutkafahrt über die Serpentinen von Stepanakert nach Schuscha. Dort wollen wir bei Alana, einer Freiwilligen aus den USA, übernachten. Lina hat Geburtstag und eigentlich wollten wir heute nach zwei Wochen Dauerprogramm mal nichts Projektbezogenes machen. Doch es dauert keine zwei Minuten, da sind wir verwickelt in ein dreisprachiges Gespräch – Englisch, Russisch, Deutsch – mit dem populären Saro und seinem Freund, einem pensionierten Soldaten. Ersterer war im Krieg Anfang der 1990er aus Baku nach Berg-Karabach geflüchtet und gilt heute in der Region als der Experte für die (armenische) Geschichte Schuschas. Zweiterer schwelgt in Erinnerungen an sein Leben in der DDR: Als junger Soldat der Sowjetischen Armee war er jahrelang dort stationiert. Halb stolz, halb selbstironisch, präsentiert er uns seinen Oberarm, auf dem ein Tattoo aus dieser Zeit prangt. Als wir es durch den dichten Nebel zu Alanas baufälliger, aber geräumiger Wohnung geschafft haben, empfangen uns – verteilt um die wertvollsten Ausstattungsgegenstände, drei Heizpüster – neben Alana auch Sevan aus Kalifornien sowie eine Italienerin und eine Tschechin, die wie wir als Couchsurferinnen bei Alana untergekommen sind.

Der Hunger ist bei allen groß und so machen wir uns bald mit Sevan und Artho, einem weiteren jungen Bekannten aus dem Libanon, auf, irgendwo ein Kebab, Tee und zum Anstoßen vielleicht ein bisschen Schnaps zu finden. Die erste Kneipe ist ausverkauft (obwohl wir uns wie die einzigen Gäste seit Tagen vorkommen). Aber die zweite – im Sommer ein Hotspot – empfängt uns mit akzeptablen Temperaturen, fantastischer Hausmannskost, 90er-Jahre-Diskomusik, Plastikblumen en masse und einer Militärsatire im Fernsehen. Beim Essen diskutieren wir über die Vergleichbarkeit von Berg-Karabach und Israel – was bedeutet eigentlich “Holy Land”? Zurück in Alanas Wohnung lassen wir den Abend bei regionalem Wein, amerikanischer Musik, tschechischen Witzen, deutscher Schokolade und internationalem Kartenspiel ausklingen. Mehr über Alana, andere Freiwillige und deren Beweggründe nach Berg-Karabach zu kommen, erfahrt ihr in dieser Reportage.

Montag, 13. April
Lisa und Paul machen sich zu Fuß durch den Schneematsch auf ins Kulturministerium, um dort mit der zuständigen Ministerin zu sprechen. Unser neuer Freund Artho übersetzt. Lina und Elena fahren ins Museum der Vermissten Soldaten, um dort mit Vera, einer weit über Berg-Karabach hinaus bekannten Soldatenmutter, zu sprechen. Die Stimmung in Stepanakert hat etwas Skurriles. Zum dichten Nebel haben sich heute Sturmböen und Sturzbäche aus Regenwasser gesellt. Plötzlich scheint die sonst so betont rausgeputzte, moderne Stadt im Chaos zu versinken. Die Kanalisation ist mit dem Unwetter völlig überfordert – aber die meterhohe Wahlkampf-Leuchtreklame wechselt unbeirrt im Minutentakt ihre Inhalte. Nachmittags fährt ein Teil der Gruppe in die „Geisterstadt“ Agdam. Ein anderer versucht den Wahlkampf und die allgegenwärtige Demonstration von Eigenständig- bzw. Staatlichkeit bildlich einzufangen. Es entstehen Fotos von Wahlplakaten, mobilen Wahlbüros, Eingangsschildern von diversen Ministerien, Akademien und öffentlichen Einrichtungen, die fast alle mit den Worten „Official“ beginnen und mit „of Nagorno-Karabakh“ enden. Zurück in Alanas Wohnung (Schuscha) folgt der kulturelle Höhepunkt unseres Aufenthalts in Berg-Karabach: Zu zehnt machen wir Musik mit Percussion, Gitarre, Akkordeon und Stimmen wie Liedern aus diverse Ländern. Der selbstgemachte Rotwein, in Plastikflaschen im kleinen Laden gegenüber erstanden, tut sein Übriges, dass uns allen warm wird. An diesem Abend denken wir wenig an die blutige Geschichte und die verbreitete Trostlosigkeit dieses Ortes.

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Ruinen in Agdam. Foto: ©Paul Toetzke

Dienstag, 14. April
Heute sind Paul und Elena zu einem Interview mit dem blinden Sprecher des Premierministers, Artak Beglaryan, eingeladen. Gemanagt wird er von einer jungen Dame, die sowohl seinen Facebook-Account in Schuss hält, als auch dafür sorgt, dass alle Gäste mit frischem Obst (anstelle der sonst üblichen Kekse) empfangen werden. Der Sprecher ist so alt wie wir und ein beeindruckender Mann mit einer klaren Vision. Dass er bereits als Grundschulkind durch eine Mine sein Augenlicht verlor, hätte ihn nicht davon abgehalten mit Worten und Taten für Berg-Karabach, sein Land, zu kämpfen… auf dass es eines Tages zu einer international anerkannten, prosperierenden Demokratie werde. Lina und Lisa treffen sich in der Zwischenzeit zu Interview und Stadttour mit Saro, dem Flüchtling aus Baku (siehe 12. April), der heute seine eigene NGO in Schuschi leitet. Abends machen sich Paul und Elena einen Eindruck von der Wahlkampfarbeit der jungen Partei „National Renaissance“, während Lina und Lisa im Jugendzentrum Stepanakerts mit den Teilnehmer*innen einer Englischklasse ins Gespräch kommen und Fragebögen ausgeben, welche die Schüler mit großer Begeisterung ausfüllen. Den Abend lassen wir ruhig ausklingen. Am nächsten Morgen wollen wir um 7 Uhr den Bus nach Stepanakert nehmen, um von dort aus in knapp 8 Stunden zurück nach Jeriwan zu fahren.

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Hier fand die Wahlkampfkampagne statt. Foto: ©Paul Toetzke

Mittwoch, 15. April
Im überfüllten Vehikel, halb Bus, halb Marschrutka, geht es bei schönstem Sonnenschein durch Berge und Täler, vorbei an großen Brachflächen, Ansammlungen von spartanischen Behausungen, ungewöhnlich vielen, kleinen Tankstellen… Ab und zu halten wir auf freier Strecke an, um festgeschnürte Bündel, Kartons und Besen entgegen zu nehmen oder Passagiere kurz (jene, denen übel ist) oder endgültig (jene, die freudig erwartet werden) aussteigen zu lassen. An der Grenze müssen dann auch wir vier, die einzigen Ausländer*innen an Bord, erneut kurz aussteigen, um unsere Pässe und das Visum vorzuzeigen.

Als wir am frühen Abend reisemüde in Jerewan ankommen, macht sich bald bei allen eine unbestimmte Leichtigkeit breit… hier beginnt er, der entspannte Ausklang unserer Reise. Darauf stoßen wir zunächst im Park mit unserem Couchsurfing Host Artak (siehe 6. April) an. Später ziehen wir weiter und erfreuen uns an der überschaubaren Barlandschaft Jerewans. Nach sechs arbeitsintensiven und eindrucksschweren Tagen in Berg-Karabach genießen wir die fröhliche, frühlingshafte Lebendigkeit der armenischen Hauptstadt.

Donnerstag, 16. April
Am nächsten Vormittag gehen wir auf Souvenirjagd, finden aber kaum etwas – v.a. an das sowohl in Georgien, als auch in Armenien als „nationaltypisch“ bezeichnete Kaffeekännchen scheint schwer heranzukommen sein. Am frühen Nachmittag besteigen wir ein Großraumtaxi – die letzte Marschrutka nach Tbilisi ist – entgegen der Informationen, die wir eingeholt hatten – bereits vor Stunden abgefahren. Der Ärger über die zusätzlichen Drams, die wir nun hinlegen müssen, ist aber schon verflogen, bevor wir die Stadtgrenze überqueren: Ein iranischer Diplomat bietet uns unentwegt Obst und Kekse an (zum Abschied wird er sagen, wenn wir je in den Iran kämen – er sei immer „at our duty“). Der halb zahnlose, georgische Fahrer ist ein wahrer Witzbold, der mehrmals extra anhalten wird, damit wir Fotos machen oder schlicht den atemberaubenden Blick genießen können. Seine Beifahrerin, eine adrette, etwas korpulente Russin mittleren Alters, kann als Einzige im Auto Armenisch und übersetzt uns u.a. den meterhohen Schriftzug, den wir entdecken, als wir in hohem Tempo an einem Lager der armenischen Armee unweit der Waffenstillstandslinie vorbeifahren. Lake Sevan, einer der schönsten Bergseen Armeniens, liegt kilometerlang zu unserer Rechten. Neben seiner Schönheit ist er auch bekannt für seinen schmackhaften Fisch und so halten wir drei weitere Male – diesmal, damit der Fahrer und die Russin den besten Fisch zum allerbesten Preis erstehen können. Die Sonne strahlt vom Himmel und wir strahlen mit – was für ein Glück, in dieses Taxi gestiegen zu sein! Gegen 21 Uhr kommen wir in Tbilisi an.

Freitag, 17. April
Frühling! In T-Shirt und mit Sonnenbrille frühstücken wir auf der Dachterrasse des Hostels. Lina und Paul wagen einen Frisörbesuch (mit 1A-Ergebnis!), Lisa und Elena schreiben die letzten (und ersten) Postkarten. Nachmittags drehen wir eine Runde über den berühmten Markt am Busbahnhof – und entdecken kurz vor der Heimkehr, dass sich die wahren Schätze unter dem bunten Treiben befinden: Das gesamte Areal von knapp 400 Quadratmetern ist unterkellert! Jeglichem Feuerschutzreglement zum Trotz entspannt sich hier eine Unterwelt, die das Herz jedes Schnäppchenjägers höher schlagen lässt. Abends entscheiden wir uns gegen einen Besuch der viel beschworenen Schwefelthermen, in denen man mit Freunden separate „Kabineti“ anmieten und darin sogar picknicken könnte. Stattdessen verbringen wir unseren letzten Abend in netter Gesellschaft dort, wo wir den Tag begonnen haben – auf der Dachterrasse.

Samstag, 18. April
Der Tag beginnt um kurz vor 5 Uhr mit ein paar Schreckminuten: In 2,5 Stunden geht Elenas Flug, aber das am Vortag bestellte Taxi lässt sich nicht blicken. Doch es dauert nicht lang, da räkelt sich Lenny aus den Federn, schimpft kurz (auf seinen Freund, den Taxifahrer), schnappt sich sein Handy und ruft einen anderen Freund (auch Taxifahrer) an. Keine 10 Minuten später saust Elena, hellwach, Richtung Flughafen. Lina, Lisa und Paul folgen wenige Stunden später. Noch am gleichen Abend gibt es ein Wiedersehen in Berlin – in Lisas WG steigt eine Party. So schnell geht das also, da sind wir wieder. Zurück in einer anderen Welt. Am Ende der Reise und am Anfang des Versuchs, das Erlebte zum Ausdruck zu bringen.